Der Raubmörder Richard Schuh stieg am 18. Februar 1949 als Letzter in Westdeutschland aufs Schafott. Er ließ, so steht es im Protokoll, "die Enthauptung durch den Scharfrichter und seine Gehilfen völlig ruhig und gefasst und ohne einen Laut über sich ergehen. Der Geistliche sprach zum Ende nochmals ein lautes Gebet. Der Leichnam wurde von dem Scharfrichter und seinen Gehilfen in den bereitstehenden Sarg gelegt und den Beauftragten des Anatomischen Instituts übergeben."

Schuhs Schicksal ist typisch für die Kriegs- und Nachkriegszeit: Der gelernte Mechaniker aus Remmingsheim bei Tübingen, 1920 als unehelicher Sohn einer Bauerntochter geboren, kam 1939 zur Luftwaffe. Dort diente er unter anderem als Bordschütze in Kampfflugzeugen. Nach US-Kriegsgefangenschaft schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch; er wusste nicht so recht, was er mit sich anfangen sollte, wie Zeugen vor Gericht aussagten.

Am 28. Januar 1948 war Schuh per Anhalter auf dem Weg nach Hause. Ein Lastwagenfahrer nahm ihn mit. Schuh erschoss ihn mit seiner alten Wehrmachtpistole, ließ die Leiche am Straßenrand liegen und montierte mit zwei Kumpanen die Reifen des Lasters ab, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verhökern. Das Trio wurde erwischt. Das Tübinger Landgericht verurteilte Schuh am 14. Mai 1948 wegen Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub zum Tode.

Die Richter erkannten keine mildernden Umstände an. Schuh habe "infolge des langen Krieges und der unseligen, verwirrten Nachkriegsverhältnisse den Respekt vor dem Menschenleben und die Achtung vor den Gesetzen verloren und durch seinen vieljährigen Kriegsdienst mehr eine Erziehung zu Gewalt und Unrecht als eine solche zu Ordnung und Moral genossen" - dieses Schicksal teile er "mit Unzähligen".

Verwandte des Todeskandidaten richteten ein Gnadengesuch an den Staatspräsidenten des Landes Württemberg-Hohenzollern, der Pfarrer seines Heimatortes Remmingsheim und der Direktor der Strafanstalt Rottenburg, in der Schuh einsaß, unterstützten es. Der Landgerichtsdirektor aber fürchtete, wer Schuh begnadige, müsse auch alle künftigen Mörder begnadigen. Bevor jedoch die Todesstrafe abgeschafft werden könne, bedürfe es stabiler politischer Verhältnisse: "Das kann man für unser an der russischen Grenze gelegenes Land nicht behaupten."

Staatspräsident in Württemberg-Hohenzollern war seit Juli 1947 der Rechtsanwalt Lorenz Bock (CDU), sein Vize und Justizminister der Sozialdemokrat Carlo Schmid, der die Todesstrafe für nicht mehr zeitgemäß hielt. Bock wandelte im Juni 1948 zwei Todesurteile in Zuchthausstrafen um; weil über Schuhs Revisionsantrag erst im Juli entschieden wurde, war sein Fall nicht darunter. Am 4. August 1948 starb Bock an Herzversagen; sein Nachfolger Gebhard Müller, ebenfalls CDU, war ein Befürworter der Todesstrafe. Schmid weilte zu den Grundgesetz-Beratungen in Bonn, als das Kabinett über das Gnadengesuch für Schuh beriet. Das letzte Wort hatte Müller: "Das Urteil ist zu vollstrecken."

Schuhs Verteidiger wurde über die Ablehnung und den Zeitpunkt der Hinrichtung informiert, Schuh selbst nicht. Alle Vorbereitungen wurden streng geheim getroffen: Zeugen für die Hinrichtung wurden ausgewählt, Scharfrichter und Gefängnisgeistlicher bestellt, die Guillotine besorgt, eine "Fallprobe" durchgeführt.