Allenfalls aus den Augenwinkeln nehmen Deutsche, Franzosen oder Niederländer den Niedergang Mitteleuropas wahr – was in Zeiten wie diesen verständlich und dennoch ein Fehler ist. Der ungarische Forint, die tschechische Krone, der polnische Zloty rutschten in den vergangenen Tagen gegenüber dem Euro von Tiefstand zu Tiefststand. Die Folge: Ausländische Kredite, in Hartwährung aufgenommen, verteuern sich täglich, Ungarn und die Ukraine etwa hängen bereits am Tropf des Internationalen Währungsfonds.

Vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer leiden nicht nur die Währungen, sondern auch die arbeitende Bevölkerung unter Kapitalverteuerung und Kapitalabfluss, weil die geschwächten westeuropäischen Banken, wenn überhaupt, lieber erst heimischen Firmen Kredit geben. Die österreichische Regierung knüpft bereits an einem Rettungsnetz für Mittelosteuropa und drängt die Rumänen und Bulgaren, aber auch Kroaten und Ukrainer, einen nationalen Bankenschirm aufzuspannen. Am liebsten hätte die Wiener Regierung hierfür Berlin als Verbündeten gewonnen, dort hält man sich derzeit zurück.

Mittel- und Osteuropa sind nicht erst jetzt in den Strudel der Krise geraten. Bis zum Herbst 2008 drückten hohe Nahrungs- und Energiepreise aufs Portemonnaie des kleinen Mannes von Riga bis Sofia, von Kiew oder Tiflis gar nicht zu reden. Der Konsum wurde auf Pump finanziert, das trieb die Zinsen. Ungarn oder Lettland melden derzeit über zehn Prozent für ihre Leitzinsen. In Riga und Budapest demonstrieren sie zu Tausenden, nicht allein gegen die internationale Krise, auch gegen hausgemachte Schnitzer der eigenen Regierung. Miserable Weltlage, schlechte Politik, allgegenwärtige Korruption – der Mix ist von Land zu Land verschieden, die Ingredienzien sind vielerorts dieselben.

Zerschellt die Erweiterung an der Krisenklippe? "Vergisst" die alte Europäische Union ihre neuen Mitglieder und Partner, zum zweiten Mal binnen Kurzem - gestern in der Energiekrise, jetzt in der Finanzkrise? Deren Zwangslage ähnelt der ihrer westlichen Klubmitglieder und doch auch wieder nicht. Die Weltwirtschaftskrise verschont zwar keinen, ihr eiserner Griff aber setzt nicht überall am selben Punkt an.