Anhaltendes Misstrauen gegenüber dem krisengeschüttelten Bankensektor, wachsende Sorgen über neue Belastungen und eine Ausweitung der Konjunkturkrise haben den deutschen Aktienmarkt am Freitag tief ins Minus gedrückt. Der deutsche Leitindex Dax verlor bis zum Nachmittag 4,2 Prozent auf 4039 Punkte und fiel damit auf den niedrigsten Stand seit Ende November. Seit Jahresbeginn hat der Leitindex damit 15 Prozent eingebüßt.

Auch der Dow-Jones-Index verlor nach der Eröffnung des Handels in New York in den ersten Minuten um 1,5 Prozent und rutschte auf 7356 Punkte. Damit setzt die Wall Street ihren Negativrekord fort, bereits am Vortag hatte der Dow den tiefsten Stand seit rund sechs Jahren erreicht. Viele US-Händler befürchten, dass der Rettungsplan der Regierung die Verstaatlichung einer Bank vorsehen könnte. "Es herrscht kein großes Vertrauen, dass die Regierung uns aus der Klemme helfen kann", sagte ein Börsianer. "Deswegen will hier niemand Aktien kaufen." Ein anderer verwies auf die jüngsten Statistiken zum US-Arbeitsmarkt.

Auf dem Parkett in Frankfurt wurden vor allem viele Bankwerte gemieden. Die Commerzbank-Aktien bildeten mit einem Minus von 8,6 Prozent auf 2,83 Euro das Schlusslicht im Dax. Auch die Deutsche Bank mit minus 6,2 Prozent als auch die Allianz waren betroffen. Der Versicherungskonzern rutschte um 8,4 Prozent ab. Börsianern zufolge ist bei diesen Kursverlusten noch kein Ende der Fahnenstange erreicht: Vor sechs Jahren lag der Dax rund 1500 Punkte unter dem aktuellen Stand. "Ich würde einmal schätzen, dass die Aussichten für die Wirtschaft derzeit deutlich schlechter sind als damals".

"Die Marktteilnehmer nehmen die katastrophale Lage zunehmend zur Kenntnis", kommentierte wiederum ein Marktstratege das deutsche Börsengeschehen. "Die Wirtschaftsdaten geben keinerlei Anlass, auch nur ein kleines Licht am Ende des Tunnels zu sehen", erklärte ein weiterer Aktienstratege. Die bisher vorgelegten Bilanzen der deutschen Unternehmen zeichneten ein düsteres Bild. "Selbst wenn ein paar Unternehmen besser berichten als befürchtet, entscheidend sind die Zukunftsperspektiven, und da steht jede Prognose derzeit auf sehr wackeligen Beinen."

Für erhebliche Unruhe sorgte aber weiter die Zukunft der Hypo Real Estate (HRE). Dafür verantwortlich war zum einen ein Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Demnach sind bei dem Immobilienfinanzierer zum Teil hochspekulative Geschäfte in Milliardenhöhe getätigt worden, die nicht in der Bilanz auftauchten. Die Bank wies die Vorwürfe zwar in einer Mitteilung zurück, ihre Aktien allerdings gerieten dadurch am Freitagvormittag erheblich unter Druck, verloren bis zu 21,34 Prozent und rutschten zeitweilig auf 1,29 Euro ab.

Bei vielen Marktteilnehmern herrschte helle Empörung über diese Nachrichten. Viele Händler sprachen von einem "Fass ohne Boden". "Die HRE ist die deutsche Lehman Brothers und derzeit der Dreh- und Angelpunkt für den deutschen Bankensektor", sagte ein Kapitalmarktanalyst. "Die Bundesregierung kann nicht zulassen, dass der Pfandbriefmarkt zusammenbricht, und hat deshalb keine Alternative: Sie muss das Institut stützen, was es auch kostet. Die Alternative wäre der permanente Aschermittwoch an den Finanzmärkten."

Für Diskussion sorgten auch die Forderungen des HRE-Großaktionärs und US-Finanzinvestors J. C. Flowers. Er verlangt knapp 3 Euro je Aktie im Falle eines Verkaufs seiner Anteile an die Bundesregierung. Dies stieß einhellig auf Unverständnis. "Es ist mehr als klar, dass das ganze Unternehmen keine drei Euro wert ist - geschweige denn die drei Euro je Aktie, die Flowers verlangt", sagte ein Börsianer. Ein anderer forderte, der Finanzinvestor solle entweder Kapital nachschießen oder sich aus seinem Engagement zurückziehen, statt auf eine Abfindung zu spekulieren, denn immerhin wäre das Institut ohne staatliche Unterstützung längst zusammengebrochen.