"Der Traum ist vorbei" – Seite 1

"Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich die Wellen des Atlantiks, wie sie gegen die Küste Galways schlagen. Wenn ich unsere Siedlung betrachte, sehe ich unvermietete Mehrfamilienhäuser, im Boom hochgezogen und nun ohne Interessenten. In nahezu jeder Straße stehen ein paar Häuser mit zugenagelten Fenstern.

Die vergangenen 15 Jahre waren für Irland wie ein dauerhafter Lottogewinn, die Menschen haben über ihre Verhältnisse gelebt. Als wir im vergangenen Frühjahr hierher kamen, war die Welle des Aufschwungs gerade gebrochen  – nur wussten wir damals noch nicht, wie lange die Ebbe auf dem Arbeitsmarkt anhalten würde.

Das Stellenangebot der Universität in Galway kam für meine Frau zum richtigen Zeitpunkt: Wir sind beide Mitte 30 und kinderlos - da kann man etwas Neues probieren. Ich hatte geahnt, dass es für mich selbst nicht einfach werden würde, einen Job zu bekommen. Ich bin Geisteswissenschaftler und hatte in den vergangenen Jahren viele befristete Verträge, Brotjobs im Versicherungswesen zum Beispiel.

Ich habe nach Stellen in der IT-Branche gesucht, doch dabei ist mir zu spät klar geworden, dass Bewerber hier ihren Lebenslauf gerne aufhübschen, sich als Könner ausgeben, um sich dann in der Praxis das fehlende Wissen anzueignen.

Konjunkturindikator Kaffee

Nun verdiene ich ein bisschen Geld als DJ. Die guten Jobs sind inzwischen weniger geworden. Wenn einmal etwas dabei ist, ist der Arbeitsplatz oft sehr weit entfernt. Von den Einnahmen der vergangenen Jahre hat die irische Regierung fast nichts in die Infrastruktur investiert, es gibt praktisch keinen öffentlichen Nahverkehr, lange Staus auf dem Weg ins Industriegebiet sind keine Seltenheit, für 15 Kilometer braucht ein Pendler morgens bis zu anderthalb Stunden.

Ein guter Konjunkturindikator ist Kaffee: Bis Dezember haben viele Iren noch Kaffeebars aufgemacht, insgesamt standen hier über 15 Läden. Inzwischen ist die Arbeitslosigkeit auf über neun Prozent gestiegen und die Kaufkraft gesunken – die Cafés haben ihre Preise für einen Milchkaffee schon von drei auf zwei Euro gesenkt.

Früher waren in der Gastronomie zu 90 Prozent polnische Servicekräfte beschäftigt, inzwischen drängen auch die Iren in die Branche, in Jobs, die sie früher niemals angenommen hätten. Der Mindestlohn in Irland beträgt 9,70 Euro, deshalb werden Barinhaber erfinderisch: Neulich habe ich von einem Wirt gehört, der einer Reinigungskraft das übrig gebliebene Essen vom Vortag anstelle von Geld angeboten haben soll.

"Der Traum ist vorbei" – Seite 2

Hotels lassen ihre Mitarbeiter in Teilschichten arbeiten, statt wie zuvor im Zweischichtsystem. Die Arbeit wird früh, mittags und abends jeweils einige Stunden lang erledigt, dazwischen haben die Angestellten Pause. So wird die Arbeit mit der Hälfte des Personals erledigt, weil die Besitzer nicht mit den Löhnen heruntergehen können. Die Angestellten spielen mit, weil sie froh sind, überhaupt arbeiten zu dürfen.

In Zeiten des Wachstums sind die Gehälter explodiert, doch weil die Wirtschaft schrumpft und der Staat für die Banken garantieren muss, verkehrt sich jetzt alles ins Gegenteil: Auf den Arbeitsämtern stehen die Menschen inzwischen bis auf die Straße an. Meiner Frau und ihren Kollegen wird ab März zehn Prozent des Gehalts gekürzt, die Uni hat fast allen Instituten die Mittel zusammengestrichen.

Neulich stand in der Zeitung, dass die Angestellten einer staatliche Dubliner Behörde, die für Behinderte zuständig ist, vier Wochen nicht bezahlt werden konnten. Ein Teil des Konjunkturprogramms wird nun aus den öffentlichen Pensionskassen finanziert – und das bei einem kapitalgedeckten Rentensystem ohne Generationenvertrag.

Dem Studiensystem droht der Zusammenbruch

Ich glaube, das ist alles erst der Anfang, der irische Traum ist längst vorbei. Ein Beispiel ist das Bildungswesen: Weil der Staat die Banken nicht zur Vergabe von Krediten bewegen kann, werden den Unis mittelfristig die Einnahmen wegbrechen, denn die Studenten finanzieren ihre Lebenshaltungskosten und die Verwaltungskosten über Studienkredite.

Inzwischen überlegt der Staat, die Studiengebühren nicht mehr zu übernehmen; viele Studenten würden dann nach Großbritannien abwandern oder könnten sich kein Studium leisten. Eine duale Ausbildung gibt es nicht – desaströs für ein Land, das alleine von qualifizierten Dienstleistungen und Hochtechnologie abhängt.

Ich selbst habe mich inzwischen über 200 Mal beworben, schließlich auch als Servicekraft in Cafés. Meine Frau hat einen unbefristeten Vertrag, wir werden also noch länger hier bleiben. Ich werde es weiter probieren. Das Tröstliche ist, dass wir inzwischen eine Gemeinschaft von Verlierern sind, weil es allen in Irland lebenden Menschen schlechter gehen wird. Die Iren sind ob der Krise härter geworden, doch längerfristig werden sie die Chance nutzen, als Nation enger zusammenzurücken. Die Zeit des Schneller-Höher-Weiter ist vorbei."

Die Aussagen unseres Nutzers aus der Community von ZEIT ONLINE, der anonym bleiben möchte, wurden von Johannes Kuhn aufgezeichnet