Phillipp Mißfelder hat in der Jungen Union etwa den gleichen Status wie Helmut Kohl in der CDU Mitte der neunziger Jahre. Er ist schon so lange im Amt, dass ihn viele Mitglieder für unangreifbar halten – und er sich wohl auch selbst. Mißfelder ist seit sieben Jahren JU-Chef, länger als er amtierte bloß Matthias Wissmann in den siebziger Jahren. Er ist Mitglied im Parteipräsidium und gut vernetzt in den Medien. Stellt man sich gut mit ihm, ist das womöglich förderlich für die eigene Karriere. Mit ihm, so sagt ein ambitionierter Jungunionist im Vertrauen, sollte man sich lieber nicht anlegen.

Insofern sind die meisten Reaktionen auf Mißfelders Äußerung zum Suchtverhalten von Sozialhilfeempfängern ziemlich vorsichtig. Viele der jungen Parteifreunde lavieren, darauf angesprochen, schon wie die politischen Profis. Sie stellen sich hinter ihren Chef, ohne sich inhaltlich festzulegen. Etwa der Thüringer Landesvorsitzende Mario Voigt, der sagt, Mißfelder habe "mit seiner pointierten Äußerung eine wichtige Debatte angestoßen". Andere sagen ausweichend, dass sie sich lieber nicht äußern möchten. Wieder andere tadeln, dass das eine typisch überhitze Mediendebatte sei.

Der JU-Chef hatte voriges Wochenende bei einem politischen Frühschoppen eine mögliche Erhöhung der Hartz-IV-Gelder als "Anschub für die Tabak- und Spiritousenindustrie" bezeichnet. Dieses Wochenende bekräftigte Mißfelder, dass er es durchaus ernst gemeint habe: Man dürfe sich nicht bei jeder Diskussion politische Tabus auferlegen.

Die Mehrheit der JU gesteht es Mißfelder zu, solche Positionen in die Diskussion zu bringen, sagt Steffen Bilger, der 30-jährige Landeschef in Baden-Württemberg. Es gebe keine Aufregung an seiner Basis. Bislang hätten ihn lediglich vier JUler zu diesem Thema angerufen. Alle hätten Mißfelders Position unterstützt. Aus seiner eigenen Erfahrung als Zivildienstleistender wisse auch er, dass tatsächlich viele Sozialhilfeempfänger "ihr Geld (und das ihrer Kinder) für Alkohol und Zigaretten ausgeben – aber natürlich nicht alle", sagt Bilger.

Zornig mache ihn, sagt der Baden-Württemberger JU-Chef, dass ausgerechnet aus den eigenen Reihen Tabuisierungen und Denkverbote kämen. Einige Landesverbände hätten sich öffentlich über Mißfelder echauffiert, insbesondere der bayerische. Man müsse demnächst über den guten Stil innerhalb der Partei sprechen.

Tatsächlich ist der bayerische Jugendverband am Wochenende auf Konfrontationskurs zu Mißfelder gegangen. Bayerns Landeschef Stefan Müller verurteilte die Äußerung als "unanständige und unerträgliche Privatmeinung". Mißfelder spreche damit weder für die Junge Union Bayern noch für die CSU. Hier hätten "dumpfe Vorurteile und Verallgemeinerungen keinen Platz", so Müller. Von einem Bundestagsabgeordneten sollte man mehr Differenziertheit erwarten dürfen, nicht Stammtischsprüche, sagte Müller, der wie Mißfelder im Bundestag sitzt.