Auf dem heiligen Berg – Seite 1

Deutschlands kleinste Uni, die Lutherisch-Theologische Hochschule, liegt im hessischen Oberursel. 34 Studenten bereiten sich hier auf die Arbeit als Geistliche vor

In Oberursel, einem kleinen Ort im Taunus, zwölf Kilometer von Frankfurt entfernt, liegt Deutschlands kleinste Hochschule. Wie man sie findet? Darauf kann frühmorgens auf der Straße im Ort niemand Antwort geben. "Eine Hochschule? Bei uns?" Einer weiß es dann doch: "Sie müssen den Berg rauf."

"Lutherische Theologische Hochschule" (LThH) steht auf dem Schild am Eingang zu einer weitläufigen Grünfläche, auf der Kinderspielzeug und Gartengeräte liegen. Am Rande des Geländes liegen barackenartige Gebäude, ein Haus im Stil eines amerikanischen Motels und mehrere kleine Schwarzwaldhäuschen.

34 Studenten und fünf Professoren bewohnen zusammen mit ihren Familien das Gelände. Wer hier studiert, will Pastor oder Pastoralreferent werden. Nur vier Studenten haben sich vergangenen Herbst eingeschrieben. Der Run, der in den siebziger und achtziger Jahren auf die Hochschule eingesetzt hatte, ist abgeebbt.

Damals studierten über 100 angehende Geistliche in Oberursel, in schlechten Zeiten waren nur 20 Studenten insgesamt eingeschrieben. "Seit einigen Jahren bleiben die Zahlen konstant", sagt Hochschulrektor Gilberto da Silva während des Campusrundgangs. Der gebürtige Brasilianer wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einem der Schwarzwaldhäuschen. Die Professoren sind als ordinierte Pastoren und Angestellte der Kirche dazu verpflichtet, auf dem Gelände zu leben, den Studenten hingegen steht es frei herzuziehen, doch fast alle wohnen hier. 32 Appartements und sechs Wohnung für verheiratete Paare gibt es auf dem Campus.

Auf dem Berg in Oberursel ist vieles anders, als man es von einer Uni erwarten würde. Der größte Hörsaal ist gerade einmal 50 Quadratmeter groß. Sechs Studenten, ausschließlich Männer, haben sich zur Vorlesung von Achim Behrens über Exegese, der Auslegung der Bibel, versammelt. Fast alle tragen Hausschuhe, schließlich sind es bis ins eigene Zimmer nur ein paar Meter Fußweg. Auch andere Annehmlichkeiten genießen die Studenten. 40.000 Bücher hat die Bibliothek, jeder hat einen Schlüssel.

Besonders streng sei es an der kleinen Uni nicht. "Der Kontakt zwischen Lehrenden und Schülern ist enger als an einer normalen Uni", erzählen Diedrich Vorberg und Daniel Lenski beim gemeinsamen Mittagessen aller Studenten in der Mensa. Beide haben zuvor an großen Unis studiert. "Es kommt schon mal vor, dass man Themen für eine Seminararbeit beim Professor auf dem Sofa bespricht oder ein Seminar bei fehlender Kinderbetreuung in dessen Haus stattfindet."

Auf dem heiligen Berg – Seite 2

Strikte Sprechzeiten gibt es nicht, die Oberurseler sehen sich als kleine Familie. Uni-Themen und Privates vermischen sich so natürlich schnell. "Wir reden ständig über Religion, aber nicht immer bierernst", sagt Nadine Karrenbauer, 22 und eine von nur fünf Frauen an der Hochschule. "Theologie zu studieren ist schließlich eine Lebens- und keine Berufsentscheidung." Diedrich sagt: "Na ja, Montag ist aber immer der 'Tatort' das Hauptthema."

Aber die LThH soll keine Insel sein. Nach der Zwischenprüfung geht es für alle an eine staatliche Hochschule, den Abschluss aber machen die Studenten wieder in Oberursel. "Wir wollen, dass unsere Studenten über den Tellerrand schauen", sagt Behrens. Doch viele bleiben Oberursel während des ganzen Studiums treu und pendeln an die Unis Mainz oder Frankfurt.

Nach dem Mittagessen ziehen sich viele kurz auf ihre Wohnheimzimmer zurück. Mit den hellen Holzmöbeln und schmalen Betten sieht es dort aus wie in anderen Studentenwohnheimen auch. Auf den Gängen stehen Turnschuhe und leere Bierkästen, an einer Zwischentür hängt eine Einladung zur Flurparty. Nur die vielen Bücher über Theologie erinnern daran, dass hier zukünftige Geistliche wohnen.

Ein bisschen wirkt das schon wie eine andere Welt. "Manchmal ist es hier schon klosterartig, in unserer Hochschule auf dem heiligen Berg", sagt Diedrich. Nadine braucht daher etwas Ausgleich und ist eine der wenigen, die nicht auf dem Campus wohnen. "Viele meiner Freunde haben mit Religion absolut nichts am Hut. Ich lasse abends immer alle Unterlagen in Oberursel. Wenn ich in mein Auto steige, verlasse ich die theologische Welt."