Während Anne Hathaway, Kate Winslet und Meryl Streep in Abendroben über den roten Teppich flanieren, sammeln sich am Sunset Boulevard und am Highland, dort, wo die Polizei alles für die Oscar-Gala abgesperrt hat, Protestler. Konservative Christen schwenken Schilder gegen die sündige Flitterstadt, Mitglieder der Schauspielergewerkschaft SAG demonstrieren gegen das vorerst letzte Angebot der Studios, das von der Gewerkschaft gerade abgelehnt wurde. Derweil werden im Kodak Theatre zum 81. Mal die goldenen Statuetten vergeben. Dies war das Jahr, in dem die Oscars ins Ausland gingen.

Slumdog Millionär , der mit amerikanischem Geld produzierte Film aus dem indischen Mumbai, räumte gleich acht Oscars ab, darunter bester Film und beste Regie, die Danny Boyle führte, bekannt durch Trainspotting . Auch die Oscars für beste Hauptdarstellerin (Kate Winslet), beste Nebendarstellerin (Penelope Cruz) und bester Nebendarsteller (Heath Ledger) gingen nicht an Amerikaner. Sogar der Conférencier — Hugh Jackman, der sich eher albern gerierte — kam aus Australien. Der Oscar für die beste Kurzanimation ging nach Frankreich, den für den besten Kurzfilm bekam Spielzeugland , den der Berliner Jochen Alexander Freydank gedreht hat. Freydank sagte, als er jung war, sei Westdeutschland für ihn unendlich weit weg gewesen, nun bekomme er den Oscar in Hollywood. Und mit Departures wurde erstmals ein japanischer Film als bester ausländischer Beitrag prämiert. Das war die größte Überraschung, denn Favorit war die deutsch-israelische Coproduktion Waltz with Bashir gewesen.

Zur Verleihung tobten die kindlichen Darsteller von Slumdog Millionär jubelnd durch den Saal. Eine triumphierende Kate Winselt umklammerte die goldene Statuette — die Rede habe sie, sagt sie, mit acht Jahren vor dem Badezimmerspiegel geübt, und sie danke allen Menschen von New York bis Berlin —, und Sean Penn, der für seine Rolle als Harvey Milk als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, bezeichnete die Academy im liebevollen Scherz als "Commis-Homo-liebende Bastarde". Überhaupt hielt die Academy in diesem Jahr die Verleihung möglichst unernst und locker, denn die Quoten waren in den vergangenen Jahren bedenklich abgesackt. Jackmans Eingangsnummer war eine Parodie auf die Nominierten, Comedy-Stars wie Tina Fey und Steve Martin, Bill Maher und Whoopi Goldberg präsentierten die Awards, zwischen kurzen Musiknummern hüpfte der Kung-Fu-Panda durchs Bild. Selbst die Ehrung der Toten verlief so kurz und unspektakulär wie nur möglich. Ein einziger Moment der Rührung kam, als die Familie des verstorbenen Heath Ledger auf die Bühne trat, um, in hartem australischen Akzent, die Statue entgegenzunehmen.

Hinterher feierten die deutschen Filmer bei Konstantin Film am Sunset Boulevard. Neben Bernd Eichinger und Uli Edel — die für den deutschen Beitrag Der Baader-Meinhoff-Komplex verantwortlich sind — wurden die Hauptdarstellerinnen Martina Gedeck und Johanna Wokalek von Blitzlichtern empfangen. Mit Wolfgang Petersen, Roland Emmerich und Jürgen Prochnow war praktisch die ganze deutsche Hollywood-Prominenz vertreten.

Der Baader-Meinhof-Komplex ging zwar leer aus, aber Eichinger war trotzdem zufrieden. "Ist doch alles prima gelaufen", sagte er. Da Kate Winslet im Vorleser gewonnen hatte, immerhin eine Babelsberg-Produktion, fühlten sich irgendwie alle als Sieger. Zudem freuten sich alle für Freydank. Dessen Kurzfilm Spielzeugland dreht sich, wie der Vorleser , um den Holocaust. "Ich habe heute Mittag in meinem Hotel in Los Angeles Glocken gehört, die Lobe den Herren von Paul Gerhard geläutet haben, da wusste ich, heute wird etwas passieren", sagte David Bunners, der Bruder des Drehbuchautors.

Ähnlich optimistisch waren Harvey Weinstein und Bernhard Schlink. Weinstein hat den Vorleser nach Schlinks gleichnamigem Roman produziert, und zwar auf Englisch mit amerikanischen Schauspielern. Damit konnte der Film in sämtlichen Kategorien nominiert werden, statt einzig um den besten ausländischen Film konkurrieren zu müssen. Doch zuvor hatte es noch eine Schlammschlacht um den Vorleser gegeben. Holocaust-Experten wie Ron Rosenbaum und Mark Weitzman vom Wiesenthal-Institut warfen Weinstein vor, der Film zeige Nazis im allzu menschlichen Licht. Dagegen hat Weinstein den Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel aufgeboten, der sich für den Vorleser in die Bresche warf.

Ein paar Tage vor der Verleihung hatte die Handelskammer Hollywood zu einem Empfang geladen. Es ging darum, Stimmung für Los Angeles als Filmstandort zu machen. "Fast das ganze Filmbusiness ist aus Hollywood verschwunden", sagte Vorstand Leron Gubler. Das liege daran, dass viele amerikanische Bundesstaaten, aber auch andere Länder mit Steuererleichterungen um das Filmbusiness buhlten. Der Oscar für Japan und der große Erfolg von Slumdog Millionär ist möglicherweise der Versuch einer Flucht nach vorne. "Die Academy will Märkte in Asien öffnen", meinte ein Kameramann auf einer der Oscar-Partys spät in der Nacht. "In Indien gibt es eine Milliarde potenzieller Zuschauer, von denen sitzt bestimmt die Hälfte heute vor dem Fernseher und guckt sich die Oscars an."