Wolfgang Welt hat mal ein recht bewegtes Leben gehabt, damals in den Achtzigern, als "wichtigster Musikjournalist des Potts", wie er stolz und zu Recht vermerkt. Er schrieb Reportagen und Kritiken für Rock Session, Musikexpress und Sounds, die zum Besten gehören, was das Genre in dieser Dekade zu bieten hat. Fast wäre so eine Art deutscher Lester Bangs aus ihm geworden – ein erzählender Rockschreiber, ein Antipode zur eher theoretisierenden Popkritik, wie sie Diederich Diederichsen und seine Getreuen vertraten.

Dann beginnt sein Irrlauf. Welt hält sich für J.R. und wähnt ein Filmteam auf seinen Fersen, das die letzte Dallas-Folge dreht. Er randaliert und wird schließlich mit einer schizophrenen Psychose in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert. Danach arbeitet er hauptberuflich als Nachtwächter und publiziert in großen Abständen Teile seiner Autobiografie.

Doris hilft, sein mittlerweile vierter Roman, beschreibt die zweite Hälfte der achtziger Jahre, als er sein Studium endgültig hinschmeißt, den Musikjournalismus drangeben muss und sein erstes Buch angeht. Ein quälender Prozess. Er will den Roman unbedingt, redet bei jeder Gelegenheit davon, nur kommt er nie dazu, ihn zu schreiben. Irgendwann tippt er das Manuskript in sechs Wochen herunter.

Diese eruptive Arbeitsweise wird sich bei den folgenden Büchern wiederholen. Was muss passieren, damit er sich hinsetzt und anfängt zu schreiben? "Ich leide weder an Schreibzwang noch an Schreibhemmung", sagt er. "Ich brauche eine Art Anfall, irgendeinen Anlass, zuletzt war es die Begegnung mit Barbara Römer und die Anschaffung eines Computers. Der nächste Anlass wird Geld sein, weil ich so gut wie pleite bin."

Wolfgang Welts Bücher sind das genaue Gegenteil der Schreibschul-Literatur, die sich bei Lektoren immer noch gesteigerter Beliebtheit erfreuen. Seine Bücher sind unprofessionell, alles andere als wohl konstruiert, stecken voller ungelenker, verbogener Sätze, und sie sprechen ein ausgemergeltes, zerdelltes, aber resolutes Ruhrpottidiom:

"Ich ging rüber in die Disco. Ich sah Christiane, die Omo die ‘de Gaulle‘ genannt hatte, wegen ihrer Nase. Mir waren mehr ihre Titten in Erinnerung geblieben, und ich fragte sie, ob sie mitkäm, einen trinken. Sie war gerade am Tanzen. Sie sagte nein, sie sei mit einem Achtzehnjährigen da, der sie unbedingt ficken wolle. Da zog ich den Schwanz ein und fuhr nach Hause, nicht ohne noch beim Norbert im Appel vorbeizugucken. Dann aber holte ich mir auf der Mansarde einen runter und stellte mir Christiane mit ihren hundertzwanzig ausgeatmet vor."

Im Grunde sind es auch gar keine Romane, sondern geradezu willkürliche Erinnerungsstenogramme. Er habe einfach keine Fantasie, sagte er mal. Er könne nur schreiben, was er erlebt habe. Trotzdem steht unter jedem seiner Titel Roman. Er sei eben ein Romantiker, sagt er.