Die Auffahrt am Berliner Sandwerder liegt schon im Nachmittagsdunkel. Auf dem Weg zur schweren Eichenholztür knirscht der gefrorene Schnee unter den Schritten. Im Eingangsbereich der American Academy liegt das Programm des heutigen Abends aus: Jazz Before Jazz: What Did It Mean? Der amerikanische Professor Jed Rasula ist zu Gast. Noch bis Juni erforscht er hier den Einfluss des Jazz auf die europäische Avantgarde. Von den Anfängen bis zum Ende der Weimarer Republik.

In der Bibliothek der Academy ist ein Regal für die Publikationen ehemaliger Gastforscher reserviert. Erst das obere Drittel ist belegt und auch die Arbeiten der diesjährigen Stipendiaten sind noch nicht aufgestellt. Rasula, der bereits in früheren Veröffentlichungen zum Thema Jazz gearbeitet hat, ist ein älterer, freundlicher Herr und spricht mehrere Sprachen.

In Berlin ist er auf Spurensuche. Er forscht in Archiven und Bibliotheken und liest die Texte im Original. Ganz besonders interessiert ihn die Verbindung von Jazz und der Künstlerbewegung des Dada, die 1916 in Zürich begann und Ende des Ersten Weltkriegs ihr Zentrum in Berlin hatte. Er möchte wissen, wie der Jazz als amerikanische Kunstform – die allerdings in Amerika nie als solche anerkannt wurde – die europäische Kunst beeinflusst hat.

Rasula erzählt von den damaligen Zeitungsberichten, in denen die neue Musik vor allem als Lärm beschrieben wurde, als "Negation von Musik". Hier sieht der Forscher auch den Zusammenhang mit den Dadaisten, die sich radikal von dem bourgeoisen Kunstbegriff distanzierten. Traumatisiert vom Ersten Weltkrieg empfanden sie die synkopierten Rhythmen als Symbol der zerrissenen Zeit. Der von 1918 bis 1921 in Berlin lebende Dadaist Paul van Ostaijen schrieb 1920 das Stummfilmdrehbuch Der Pleite Jazz, in dem sich Jazz und Dada erst über Europa ausbreiten und schließlich die ganze Welt zur "Dada-Republik" machen.

Rasula zeigt ein Bild des Malers und Dadaisten George Grosz, auf dem im Hintergrund eine schwarze Band spielt. In seiner Autobiografie schrieb Grosz über einen Abend, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs: "1919 war das Adlon das Hauptquartier der amerikanischen Presse. Ben Hecht (Anm.: Journalist, später Drehbuchautor für Hitchcock und Lubitsch) saß auf dem Klavier und spielte Everybody Shimmies Now auf seiner Geige. Überall standen Gläser und Aschenbecher. Havanna Zigarren, Rheinwein auf Eis, Black & White Scotch, Brandy ... Für die Deutschen waren Lebensmittel immer noch rationiert. Dann brachen wir auf zu einem geheimen Nachtclub mit Jazzband."

Auch die gerade erschienene 12-CD-Box Jazz In Deutschland beschäftigt sich in ihrem ersten Teil mit den Anfängen des Jazz. So haben die beiden Sammler Horst Bergmeier und Rainer E. Lotz nach den ersten von Deutschen gespielten oder in Deutschland erschienenen Aufnahmen geforscht. Sie fanden von afro-amerikanischer Folklore inspirierte Tanzmusik  wie Barn Dance, Two-Step, Cake Walk oder Ragtime. Diese haben sie von Walzen, frühen Schallplatten und Metall-Lochscheiben für die CD-Edition reproduziert.