In den Sekunden, als das Stadtarchiv in der Kölner Severinstraße einstürzt, sitzt Kemal Caner am Schreibtisch im Bürogebäude auf der anderen Straßenseite. Zuerst fängt sein Tisch an zu wackeln, dann vibriert der Computer. Schließlich das ganze Haus. Er denkt, es brettert ein Schwertransporter vor der Tür vorbei. Plötzlich hört er Schreie aus dem Stadtarchiv. Und die Schreie werden immer lauter.

Vom Fenster seines Büros sieht Caner, wie das Historische Stadtarchiv gegen 14 Uhr innerhalb einer halben Minute einstürzt. Wie ein Kartenhaus kippt es auf die Straße und kracht seitlich gegen andere Gebäude. Er hört ein dumpfes, langes Grollen. Kurz darauf verdeckt eine dunkle Staubwolke alle umliegenden Gebäude. Er sieht, wie Kinder losrennen und Autos wegrasen. Als sich der Staub ein wenig verzogen hat, sieht er, wie Menschen aus den Trümmern klettern. Sie sind verstaubt, aber nicht verletzt.

Stunden nach dem Unglück steht Kemal Caner mit seinen Kollegen 50 Meter von seinem Arbeitsplatz entfernt hinter einem Sicherheitsband. "Es ist ein Albtraum, und wir sind mitten drin", sagt er. Hubschrauber stehen über ihren Köpfen. Die Polizei hat den Unfallort in der Kölner Severinstraße weiträumig mit rot-weißem Band abgesperrt, außer Rettungshelfern wird niemand durchgelassen. Vor zehn Tagen zog hier der Rosenmontagszug vorbei. Nun versperrt meterhoher Betonschutt auf einer Länge von 60 Metern die Straße.

Anwohner und Passanten drängen sich vor der Absperrung, es werden Handy-Fotos geschossen und viele Telefonate geführt. "Das ist ein entsetzlicher Anblick, wie beim 11. September", ruft eine Frau in ihr Mobiltelefon, als sie die Schuttberge sieht, die sich etwa drei Stockwerke hoch türmen. Sie erkundigt sich bei einem Polizisten, ob es Verletzte oder Tote gebe. "Wir wissen derzeit nichts Genaues", lautet die immer gleiche Antwort. Offiziell werden bisher ein älteres Ehepaar und sieben weitere Personen vermisst.

Doch gemutmaßt wird viel in der Severinstraße. Augenzeugen befürchten, dass unter den Betonwänden weitere Opfer liegen. "Da befinden sich mehrere Autos und vielleicht sogar ein Bus unter den Trümmern", sagt Kemal Caner. Auch die beiden eingerissenen Nachbarbauten sorgen für Spekulationen, waren sie doch zum Teil bewohnt. Wie bei einem Puppenhaus kann man nun in die einzelnen Zimmer schauen: Aus der obersten Etage hängt ein blauer Teppich nach unten, ein Waschbecken ragt aus den Trümmern.

Auf der Nord-Süd-Fahrt, der wichtigsten Schnellstraße in der Kölner Innenstadt, stehen unzählige Polizei- und Feuerwehrwagen. Die Schnellstraße wurde kurzerhand zur Einsatzzentrale umfunktioniert. "Es sind alle in der Stadt verfügbaren Beamten im Einsatz", sagt ein Polizei-Sprecher. Das rote Kreuz hat Zelte aufgeschlagen und sucht mit Spürhunden in den Trümmern. Mancherorts müssen die Retter ganz besonders vorsichtig sein. "An einigen Stellen riecht es nach Gas", sagt ein Polizist und zeigt auf die eingerissenen Gebäude. Feuerwehr-Leute legen unterdessen lange Schläuche an den Unglücksort. Durch die Erschütterungen ist es offenbar zu massiven Wassereinbrüchen gekommen. Unter der Straße liegen unfertige U-Bahn-Schächte, deren Decke eingestürzt sein soll.