Bernhard Gehrmann hatte lange Zeit keinen dankbaren Job. Der Referent des Bonner Kämmerers war einer von denen, die den Haushalt der früheren Bundeshauptstadt zusammenhalten und Ausgabenwünsche abbügeln mussten. Bis vor wenigen Wochen, als die Bundesregierung das zweite Konjunkturpaket auf den Weg brachte. Seither steht fest, dass Gehrmanns Behörde richtig Geld ausgeben darf, rund 46 Millionen Euro binnen zwei Jahren. "Das ist auch für uns neu", sagt der Bonner Kassenwart.

Seit Wochen treffen Briefe bei ihm ein: Bittschriften aus allen Ecken der Stadt, von Kindergärten, Schulen, sozialen Einrichtungen. Noch sammeln seine Beamten alle Wünsche, erstellen Listen mit möglichen Investitionen. Am Ende dürften die Auswahlkriterien denkbar simpel sein: Gemacht wird, was schnell geht. Schließlich muss die Stadt bis Ende 2010 die bereitgestellten Mittel ausgegeben haben, sonst fließt das Geld zurück an den Bund. Im Juni, sagt Gehrmann, könnten die ersten Aufträge vergeben werden. Spätestens im Juli könnte es dann losgehen mit der Rettung der Konjunktur.

Ähnlich läuft es dieser Tage in vielen Kommunen ab. Weil die Bundesregierung merkt, dass das Konjunkturpaket reichlich spät kommt, treibt sie die Kommunen zur Eile an und setzt alle Vorsichtsmaßnahmen außer Kraft, die in normalen Zeiten verhindern sollen, dass Absprachen, Bestechung und Fehlinvestitionen um sich greifen.

Normalerweise gelten für die Vergabe von öffentlichen Aufträgen strenge Regeln. Nicht so in Zeiten der Krise. So erlaubte die Bundesregierung den Ländern, die Vergabebestimmungen deutlich zu lockern. Bauaufträge bis zu einem Wert von 100.000 Euro dürfen in den kommenden zwei Jahren freihändig vergeben werden, ohne Ausschreibungsverfahren. Bei Vorhaben, die bis zu einer Million kosten, müssen nur drei Angebote eingeholt werden. Mehrere Länder, darunter Nordrhein-Westfalen und Niedersachen, haben diese entschärften Regeln bereits umgesetzt.

Gabriele Klug, die im Vorstand der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International sitzt, befürchtet, dass durch das zweite Konjunkturpaket ein "Milieu der Vetternwirtschaft" entsteht. Selbst der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Michael Knipper, dessen Mitgliedsfirmen von dem Konjunkturpaket massiv profitieren, hält es für denkbar, dass "die Republik in zwei Jahren eine Korruptionsdebatte führt". Daher mahnt er: "Wir müssen alles daransetzen, dass die Vergabe transparent abläuft – und der Wettbewerb keinen Schaden nimmt."

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es um die Transparenz nicht gut bestellt sein wird. Zwar pochen auch hierzulande Korruptionsbekämpfer auf das Prinzip der public awareness – möglichst viele Augen sollen verfolgen können, wer Aufträge erhält und zu welchem Preis. Sie verweisen etwa auf die USA, wo die Regierung Obama eine Website startete, auf der in den kommenden Wochen penibel aufgelistet werden soll, wohin das Geld aus dem amerikanischen Konjunkturpaket fließt.