Es ist schon kurz vor Mitternacht am Samstag, als der Parteitag der Linken in Essen richtig Fahrt aufnimmt. Den ganzen Tag haben die Delegierten über Europa gestritten, den Neoliberalismus gegeißelt und in ihrem Wahlprogramm Forderung um Forderung aneinandergereiht. Auch auf den ersten sechs Plätzen der Europaliste sind die Delegierten artig dem Vorschlag von oben gefolgt.

Nun liegt eine nervöse Spannung im Saal.  Der Parteitag ist unterbrochen. In den Gängen Delegierte in kleinen Gruppen und diskutieren. Plötzlich zeigt sich, wie brüchig der innerparteiliche Burgfriede ist. Jener Listenvorschlag, der in der Parteiführung mühsam ausgehandelt wurde und der überdecken soll, wie tief die Gräben zwischen ehemaligen PDSlern und ehemaligen WASGlern noch sind und für den Lafontaine mit den Worten wirbt, er solle das Zusammenwachsen "weiter befördern".

Parteichef Lothar Bisky steht an der Spitze der Europaliste. Für den 67-Jährigen, der auch Vorsitzender der europäischen Linken ist, soll Brüssel den Abschluss seiner politischen Karriere bilden. Im kommenden Jahr will er nicht noch einmal für den Vorsitz der Linkspartei kandidieren und Lafontaine die Parteiführung alleine überlassen. Bisky erhält 93,4 Prozent der Stimmen.

Auf ihn folgt eine Liste von Unbekannten. Die Zahl profilierter Politiker in der Linkspartei ist klein, vor allem im Westen. Zugleich rächt sich, dass die noch junge Partei sich bislang um eine Debatte um das Grundsatzprogramm und ein verbindendes Selbstverständnis herumdrückt.

Die Hamburgerin Sabine Wils etwa, die hinter Bisky auf Platz zwei der Liste steht, ist selbst in der Partei nahezu unbekannt. Befördert wurde ihre Karriere vor allem durch die Tatsache, dass sie zwar "den Kapitalismus überwinden" will, aber ansonsten in der Öffentlichkeit noch nie besonders aufgefallen und niemandem in der Partei auf den Schlips getreten ist. So präsentiert sich die Linke im Europawahlkampf vor allem als graue Truppe.

In der PDS war dies anders. Sie hatte häufig bunte und unabhängige Kandidaten nominiert, um ihre Öffnung zur Gesellschaft zu demonstrieren. Dass in der PDS eine andere politische Kultur herrschte, demonstriert auch Lothar Bisky, der betont, für ihn ist der Parteitag "souverän" . Lafontaine hingegen warnt die Delegierten eindringlich, "keinen Kandidaten von der Liste zu wischen" .