Die US-Amerikaner verbrauchen rund die Hälfte des weltweit produzierten Kokains, Europa immer noch ein Viertel. Doch der eigentliche Krieg gegen die Droge tobt in Mexiko, ein Land, in dem nur wenige Menschen Kokain konsumieren. Der Krieg hat nach UN-Schätzungen in den letzten zwei Jahren rund 10.500 Menschenleben gekostet, 100.000 Familien sind in irgendeiner Form Opfer der Drogengewalt geworden. In immer weiteren Teilen des Landes versagt der Staat – inzwischen gibt es gar paramilitärische Todesschwadronen.

Der Machtkampf zwischen den Kartellen im Norden und Westen hat Entführungen, Erpressungen, Folter und Auftragsmorde für viele der 110 Millionen Mexikaner zum alltäglichen Phänomen gemacht. Allein in den ersten 50 Tagen dieses Jahres tötete das organisierte Verbrechen 1000 Menschen.

27.000 Armeemitglieder und Polizeibeamte sind am Kampf gegen die mächtigen Banden Cartel de Sinaloa und Cartel de Suárez beteiligt – und sie verzweifeln daran, eine Lösung des Konflikts scheint heute ferner denn je. Die Rauschgiftbanden treiben in Hunderten von Städten und Dörfern ihr Unwesen. Und es gilt die eiserne Regel der Mafia: "Jeden Tag soll ein Polizist sterben."

Chihuahua ist der Name eines der 32 Bundesstaaten Mexikos. Er ist der größte im Land, liegt an der US-Grenze und gilt in der lokalen Berichtserstattung seit eh und je als Hochburg der Gewalt. Dort findet zurzeit das Gros der Kämpfe zwischen der Mafia und den Streitkräften der Regierung statt, genauso wie die brutalen Kämpfe unter den einzelnen Drogenbanden.

Die Korruption floriert in Chihuaha schon seit Ewigkeiten, Schmuggelbanden und eine ausgeprägte Entführungsmaschinerie haben der Region in den neunziger Jahren den Ruf als gefährlichster Bundesstaat Mexikos beschert. Heute ist die Gesellschaft Chihuahas zersetzt von der organisierten Kriminalität. Traurigen Ruhm erlangte auch die nie aufgeklärte Geschichte der "Frauen von Ciudad Juárez", der größten Stadt von Chihuahua: Zwischen 1992 und 2007 verschwanden hier 600 Frauen, die für US-Fabriken in der Grenzenstadt arbeiteten. Nachforschungen von Journalisten zufolge sind alle vermutlich systematisch gefoltert, vergewaltigt und anschließend umgebracht worden.

In Mexiko, wie in vielen der noch wirtschaftlich instabilen, sozial schwankenden Ländern Lateinamerikas, war die Gewalt immer latent da. Doch heute haben sich die Drogenkartelle an der US-Grenze festgesetzt, und was es hier noch an Frieden gab, verdirbt nun. Vergangene Woche beispielsweise musste der in Korruptionsskandale verwickelte Gouverneur Chihuahuas, José Reyes Baeza, einer Schießerei entfliehen, die Mafia wollte ihn ermorden. Zwei Tage später hat der Polizeichef von Ciudad Juárez, Roberto Orduña Cruz, sein Amt niederlegen müssen. Die Drogenbarone, die seinen Stellvertreter bereits Wochen zuvor umgebrachten, hatten gedroht, alle 48 Stunden einen seiner Offiziere zu erschießen.

Für Mexiko gilt, was der kolumbianischen Journalist Antonio Caballero einmal für sein Land aufschrieb: "Der Drogenhandel schuf die Probleme nicht, er hat sie aber vertieft". Mexikos Schlachtenführer heißt Felipe Calderón, der konservative Krisenmanager und Präsident der Vereinigten Mexikanischen Staaten. Ein Mann, der der Mafia vor zwei Jahren den offenen Krieg erklärte.