ZEIT ONLINE: Herr Willemsen, Sie übernehmen die Nachfolge der ZEITmagazin-Kolumne "Auf eine Zigarette mit..." Darin interviewen Sie prominente und weniger prominente Menschen zum Thema "Warum machen Sie das?" Dürfen wir diese Frage gleich mal an Sie zurückgeben?

Roger Willemsen: Wahrscheinlich aus Unvernunft (lacht). Das Fragenerfinden ist eine Nebentätigkeit, die ich lange gemacht habe und entspricht einem grundsätzlichen Interesse am Menschen. Ich glaube, es gibt nur wenige Fragen, bei denen man mehr über einen Menschen erfährt als bei der nach der Motivation. Es ist eine Schlüsselfrage, die den Vorzug hat, den Menschen selbst zu charakterisieren. Wie begründet man, was man tut, denkt, moralisch entscheidet?

ZEIT ONLINE: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Gesprächspartner aus?

Willemsen: Ich wünsche mir, dass die Kolumne im Laufe der Zeit möglichst viele Facetten des gesellschaftlichen Lebens abdeckt. Das heißt, durch bekannte wie unbekannte Leute, Menschen, die abseits oder in der Öffentlichkeit arbeiten. Grundvoraussetzung ist, dass die Fragestellung über die tagesaktuelle Neuigkeit hinausgehen muss. "Warum macht Oliver Pocher nicht weiter bei Harald Schmidt?" gehört zum Beispiel nicht dazu.

In die Kolumne passen würde aber zum Beispiel die Frau, die alle zwei Wochen bei mir putzt. Sie kommt aus Afghanistan und will jetzt Deutschland verlassen, weil die Kindererziehung hier zu schlecht ist. Diese Frau zieht also mit fünf Kindern nach Großbritannien, weil sie sagt: Ich kann nicht mehr verantworten, dass Kinder an deutschen Schulen so schlecht erzogen werden. Das ist eine Grundsatzfrage.

ZEIT ONLINE: Ihr neuestes Buch trägt den Titel Der Knacks und beschäftigt sich mit Brüchen in Biografien. Werden Sie in der Kolumne auch dem "Knacks" im Leben Ihrer Gesprächspartner nachspüren?

Willemsen: Beide Projekte haben nichts miteinander zu tun. Grundsätzlich ist aber jeder Interviewer gut beraten, die Situation des "Knackses" in einem Gespräch herauszuarbeiten und herauszufinden, wie die Person zum Bruch, aber auch zum eigenen Verfall steht. Insofern ist der "Knacks" also durchaus etwas, das in den Gesprächen vorkommen wird.

ZEIT ONLINE: Ihren ersten Gesprächspartner dürfen wir schon verraten: Franz Müntefering. Auch ein Mann mit einem "Knacks"?

Willemsen: Münteferings "Knacks" besteht darin, keinen haben zu wollen. Er hat sich – auch sich selbst gegenüber –  auf eine ganz konzentrierte Weise auf  die Position des Pragmatikers und Realpolitikers festgelegt. Er sagt nicht: Privat bin ich ganz anders oder: Ich glaube an Gott oder: Ich rede mit meinen Dahlien. All diese Dinge wird man von Müntefering nicht hören. Er braucht nicht diese flamboyante Außenausstattung wie etwa Guido Westerwelle, der sich für die Bunte in einer Gondel in Venedig fotografieren lässt.