Als Führer der Allianz zur Wiederbefreiung Somalias (ARS) galt der vor einem Monat gewählte somalische Präsident Sharif Sheik Ahmed als gemäßigter Islamist. Doch nun erklärte er nach nur wenigen Wochen an der Spitze der neuen Einheitsregierung: "Ich werde das Land auf der Grundlage der Scharia regieren."

Die Einführung des islamischen Rechts in dem Krisenstaat am Horn von Afrika, der seit 1991 keine stabile Regierung hat, ist vor allem ein Signal an die radikalislamische Al-Schabab-Miliz, die seit mehr als zwei Jahren einen hartnäckigen und blutigen Guerillakrieg gegen die bisherige Übergangsregierung führte. Auch gegen Sharif, dem sie Verrat und einen Verkauf an den Westen vorwarfen, wollte Al-Schabab den Kampf fortsetzen.

Die Miliz, die von den USA als Terrororganisation mit Verbindungen zu al-Qaida eingestuft wird, hat inzwischen große Teile Somalias unter Kontrolle und dort die Scharia in ihrer extremen Form eingeführt. So wurde in der Hafenstadt Kismayo Ende vergangenen Jahres ein 15 Jahre altes Mädchen als angebliche Ehebrecherin zu Tode gesteinigt. Eine Tante gab später an, das geistig behinderte Mädchen sei von drei Männern vergewaltigt worden.

Seit Freitag verhandelt Sharif nach Angaben von Regierungsmitgliedern "mit mehreren Anführern der bewaffneten Gruppen". Religiöse Führer vermittelten den Dialog, berichtete Radio Garowe. Ob auch mit Al-Schabab Gespräche geführt werden, blieb dabei unbekannt.

Sharif und die Al-Schabab-Führer können auf eine gemeinsame politische Vergangenheit zurückblicken. Der jetzige Präsident warMitglied der Regierung der Union der Islamischen Gerichte, die Ende 2006 mit Hilfe Äthiopiens gestürzt wurde. Al-Schabab ist der militärische Arm der Islamischen Gerichte.

Während Sharif den politischen Kampf im Exil fortsetzte, kämpfte die Miliz gegen die Truppen der Übergangsregierung und ihre äthiopischen Verbündeten. In dem Konflikt wurden rund 16.000 Zivilisten getötet, mehr als eine Million Menschen mussten fliehen. Als Führer der ARS war Sharif der wichtigste Verhandlungspartner der Übergangsregierung für den im vergangenen Frühsommer im Nachbarstaat Dschibuti vereinbarten Waffenstillstand.

Schon innerhalb der Union der Islamischen Gerichte gab es Spannungen zwischen den gemäßigten Islamisten, denen auch der ehemalige Lehrer Sharif angehörte, und den Hardlinern.

Ob die Einführung der Scharia und ein Entgegenkommen an die radikalislamischen Gruppen den kriegsmüden Somalis die ersehnte Stabilität zurückbringt, muss sich erst noch zeigen. Der stellvertretende Parlamentspräsident Osman Elmi Boqorre jedenfalls begrüßte den Plan am Sonntag und forderte die Abgeordneten auf, die notwendige Zustimmung zu geben.

Eva Krafczyk, dpa