Hat die EU nichts Besseres zu tun, als sich mit Herrn Williamson zu beschäftigen? Muss die tschechische Ratspräsidentschaft sich nun auch noch mit dem rechtsradikalen Spinner befassen?

Ja, sie muss. Es geht in der Auseinandersetzung mit dem Bischof der umstrittenen Pius-Bruderschaft nicht um die Person Williamson allein. Der Diskurs, der sich an ihm entzündet, dient vielmehr der Selbstvergewisserung unserer Gesellschaft. In der Abwehr der einen Person bestätigen sich grundlegende Gewissheiten und Werte unseres Zusammenlebens, die wir nicht verletzt sehen wollen: Ja, es gab den Holocaust. Nein, niemals wieder dürfen Menschenrechte und Menschenwürde verletzt werden. Ja, deshalb wehren wir uns gegen jede Art von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Die Diskussion ist keine neue, nur das Etikett ändert sich. Früher hieß es "Irving" nach dem britischen Holocaust-Leugner David Irving. Jetzt heißt es "Williamson". Dass die Debatte wieder an Gewicht gewonnen hat, verschuldete Benedikt XVI. Indem der Papst die Exkommunikation der Pius-Brüder zurücknahm und mit ihnen Bischof Williamson frei sprach, brachte er mehrere Millionen Menschen in Europa in einen gefährlichen Zwiespalt: Die Kerne der kirchlichen und gesellschaftlichen Identität verschoben sich in kaum vermittelbarer Weise gegeneinander.

Im besten Fall führt die Diskussion zu einem neuen gemeinsamen europäischen Grundverständnis dessen, wie wir zusammenleben wollen. Das ist bitter nötig: In Großbritannien stärkt die Wirtschaftskrise die extremen Nationalisten; in Ungarn machen Rassisten regelrecht Jagd auf Roma, Ähnliches geschieht in Tschechien; in Dresden marschierten Neonazis zum "Trauermarsch" auf; in Nordfrankreich schändeten Rechtsextreme muslimische Gräber. In vielen europäischen Ländern gewinnen rechtsradikale Parteien und politische Bewegungen an Stärke.

Deshalb bewegt uns der Fall Williamson. Die heftigen Reaktionen beweisen, dass der Schrecken über den Holocaust tief in uns sitzt, weil er letztlich nicht zu bewältigen ist. Zugleich aber zeigt sich, dass sich ein breiter Konsens darüber gebildet hat, die Schoah als bestimmenden Teil unserer Geschichte anzunehmen.