Um publicityträchtige Formulierungen ist David Beckham nie verlegen. "Ein Traum geht in Erfüllung", schwärmte er nach einem beispiellosen Verhandlungsmarathon zwischen dem AC Mailand und Los Angeles Galaxy. Beide Klubs einigten sich darauf, dass der 33-Jährige weiterhin für den AC Mailand spielen darf, aber von Juni bis November zurück nach Los Angeles muss. Danach bleibt er in Mailand, bis zur WM 2010 in Südafrika. Mit seinem Vertrag setzt der Londoner neue Maßstäbe. Ein Spieler, zwei Klubs. Beckham ist ein Leiharbeiter des modernen Fußballs. 

Der Vertragsentwurf verlangte den Juristen beider Parteien eine Menge ab. Beckham nimmt die Strapazen in Kauf, weil er weiß, dass er nur so eine Chance hat, vom englischen Nationalcoach Fabio Capello für die WM 2010 nominiert zu werden. Einzige Leidtragende der ungewöhnlichen Verpflichtung ist Gattin Victoria, die nun permanent zwischen ihren drei Zöglingen Brookly, Romeo und Cruz in Kalifornien und ihrem Mann in Mailand pendeln muss. Gleichwohl sei auch sie außer sich vor Freude gewesen, dass sich ihr "Fashion-David" für Mailand entschieden hat. Schließlich ist sie vom Mailänder Mode-Ambiente fasziniert.

Bis zur Einigung hatte Galaxy-Präsident Tim Leiweke versucht, den Cover-Boy des englischen Fußballs umzustimmen und ihn gedrängt, sofort nach Kalifornien zurückzukehren. Doch Beckhams Wunsch, wieder in einer "richtigen" Liga zu bestehen, war größer als amerikanische Geldsäcke. "Ich kenne wenige Spieler, die auf soviel Geld verzichtet haben, um Fußball zu spielen", sagte Milan-Vizepräsident Adriano Galliani. Milan allein investierte in seine Teilverpflichtung bis 2010 rund fünf Millionen Euro. Zwei Millionen Euro machte Beckham selbst locker. Eine Ablösesumme von drei Millionen Dollar für Beckhams Sofortverpflichtung lehnte Los Angeles Galaxy nämlich als lächerlich ab. Mehr aber wollte und konnte Milan nicht zahlen.

Milan, das derzeit trotz seines physiotherapeutischen Wunderlabors Milan-Lab einem Lazarett ähnelt, kommt Beckham sportlich sehr gelegen. Er überspielt glänzend die Mittelfeldschwächen des Teams, das aus einem unzusammenhängenden Ensemble aus wohlklingenden Namen, die entweder verletzt oder Bankdrücker sind, besteht. Eine "Zirkusmannschaft", schimpfen die Tifosi, die italienischen Fußballfans. In der Mannschaft rumort es gewaltig. Stars wie Ronaldinho und Schewtschenko wurden durch Beckham aus der Mannschaft gedrängt. Trainer Carlo Ancelotti weiß, dass er ohne Meistertitel Ende der Saison seine Koffer packen muss, und der Rückstand zu Tabellenführer Inter beträgt jetzt schon elf Spieltage vor Schluss 12 Punkte. In dieser Misere erscheint Beckham wie ein Heilsbringer. Geld für Neuverpflichtungen ist keins da. Doch der Klub ist zum Erfolg verdammt.

Ministerpräsident Silvio Berlusconi hält seit 1986 die Mehrheitsanteile am Klub, ihm geht offenbar das Geld aus. Den 73-jährigen Medienmogul verhöhnen namhafte Politikwissenschaftler wie der Florentiner Giovanni Sartori als den neuen italienischen Sultan, weil er sich mit einem Harem karrieresüchtiger Sternchen und politischer Eunuchen umgebe. Milans Erfolge waren der Spiegel seines phänomenalen Erfolgs – sowohl als Wirtschaftskapitän als auch als Politiker. Doch die Wirtschaftskrise nagt offenbar an dem Säckel des reichsten Mann des Landes, wodurch auch sein politisches Image leidet. Deshalb versuchte er zuletzt, vierzig Prozent der Anteile für 500 Millionen Euro an eine arabische Investorengruppe zu veräußern.

Als die Tifosi davon Wind bekamen, meuterten sie medienwirksam, und Berlusconi rückte schnell davon ab. Schließlich war die Revolte der Fans für seine täglichen Umfragewerte nicht gut. Im Januar musste er ebenfalls eine lukrative 110-Millionen-Offerte von Manchester City für seinen brasilianischen Superstar Kaká ablehnen, weil die Tifosi spektakulär protestierten. Wenig später suchte Berlusconi sogar nach potenziellen italienischen Kaufinteressenten für Milan, aber auch das war ein Fiasko. Auch die sind momentan nicht liquide genug.

Jetzt verlangt Berlusconi von seinen Starkickern, dass sie eine generelle Gehaltskürzung von dreißig Prozent akzeptieren. Beckham hat mit seiner englischen Bescheidenheit den Weg vorgegeben. "Die Menschen sprechen immer wieder von dem vielen Geld, das ich verdient habe", sagte Beckham, "aber Geld hat für mich nie eine so große Rolle gespielt, sondern nur der Fußball. Und ich hoffe, dass ich das damit unterstrichen habe." Kein Wunder, dass Berlusconi regelmäßig ins Schwärmen kommt, wenn er von Beckham spricht.