Man könnte hoffen, endlich kommt Licht ins Dunkel der deutschen Sportgeschichte. Ein neues Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Sportwissenschaften (BISp) will die Dopingvergangenheit Deutschlands aufklären. Das Projekt klingt ambitioniert, eine halbe Millionen Euro Steuergeld ist zu verteilen. Der Auftrag an das BISp kommt von höchster Stelle: vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Doch bereits bevor Ende März entschieden sein wird, wer den Zuschlag auf die Ausschreibung erhält, zweifeln Experten am Sinn des Ganzen.

Das verantwortliche Institut hat nämlich keine weiße Weste. Das BISp, eine Einrichtung des Innenministeriums, ist selbst in die Dopingvergangenheit Deutschlands verstrickt – wie der DOSB (genauer: seine Vorgängerorganisationen DSB und NOK). Von 1986 bis 1990 hatte das Bonner Institut ein westdeutsches Projekt zur Dopingforschung finanziert. Unter Leitung von Sportmedizinern wie Joseph Keul, Ernst Jakob, Heinz Liesen oder Wilfried Kindermann wurde Kader-Athleten das Hormon Testosteron verabreicht. Die Forschungen von damals sind aus heutiger Sicht zumindest zwielichtig.

Außerdem halten Experten die Ausschreibung für wissenschaftlich höchstens drittklassig. Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette forscht seit Jahrzehnten an den gesellschaftlichen Strukturen, die Doping begünstigen. Unter anderem veröffentlichte er die Standardwerke "Doping im Hochleistungssport" und "Die Dopingfalle". Für die nun ausgeschriebenen 500.000 Euro will er seine Reputation jedoch nicht hergeben. "Aus diesem Projekt kann überhaupt nichts herauskommen", sagt Bette. Viele Interessen seien in der Ausschreibung vermischt worden. In einem Projekt die gesamte Doping-Vergangenheit von Leichtathletik Fußball, Handball, Rudern oder Gewichtheben aufzuklären sei schlicht unmöglich. Zudem seien zu viele wissenschaftliche Perspektiven abgefragt. "Die Ausschreibung ist so, wie Klein Fritzchen sich die Forschung vorstellt. Seriöse Wissenschaftler setzen sich mit so etwas nicht auseinander", fügt Bette hinzu. Weitere verdiente Doping-Wissenschaftler, die für das Projekt infrage kämen, haben sich bewusst nicht beworben. Darunter Gerhard Treutlein und Uwe Schimank.

In einem vor zwei Jahren veröffentlichten Gutachten des Wissenschaftsrats der Bundesregierung wird die Arbeitsweise des BISp scharf angegriffen: veraltete Strukturen, Steuerverschwendung, Selbstbedienungsmentalität. Wer es liest, wundert sich, warum das Bonner Institut, gegründet 1970, nicht längst geschlossen worden ist. Bis zu 75 Prozent der Fördermittel von jährlich etwa zwei Millionen Euro sprechen die Mitglieder der entscheidenden Gremien sich selbst zu. Der Wissenschaftsrat rügt zudem, dass es an wissenschaftlichen Qualitätskriterien mangele, dass Projekte ohne Ausschreibung vergeben würden und dass Schwerpunkte nicht erkennbar seien. "Das BISp nimmt seine zentrale Aufgabe", heißt es , "sportwissenschaftliche Forschung zweckgerichtet zu fördern, nicht zufriedenstellend wahr." Dem zuständigen Innenministerium raten die Gutachter, die Aufgaben des BISp auf andere Einrichtungen zu verteilen – de facto eine Empfehlung zur Schließung.