Vor einem halben Jahr, zur Frankfurter Buchmesse, war der E-Reader in Deutschland noch ein Gerücht. Die ganze Lesekultur, hieß es, werde umgewälzt, wenn man bis zu 150 digitale Bücher auf einem einzigen Gerät mit sich herumtragen könne: Das gedruckte Buch stehe vor dem Aus. Nun, zur Leipziger Buchmesse, die am heutigen Mittwochabend im Gewandhaus eröffnet wird, kommt das Gerät mit dem flimmerfreiem Bildschirm in mehreren Varianten auf den Markt – und scheint selbst schon dem Untergang geweiht zu sein. Denn die Verlage stellen viele Titel jetzt zwar materiell und virtuell her, aber es deutet sich an, dass E-Books ihr Publikum vor allem auf dem iPhone und ähnlichen Minicomputern finden werden. In ihnen sind die Funktionen von Handy, MP3-Player und Notebook vereint. Die entsprechende Lese-Software wird gerade weltweit entwickelt, und ein kleines Bücherangebot ist hierzulande bereits zu haben. Wozu dann noch ein teures Extragerät anschaffen?

Aber auch mit dem E-Book ist es so eine Sache. Momentan verwenden die Verlage ihre größte Mühe darauf, aktuelle Bestseller für die elektronischen Formate aufzubereiten. Am sinnvollen Bedarf produzieren sie damit vorbei. Denn der E-Reader erfüllt seine Aufgaben am besten als Arbeitsgerät: als Hilfsmittel für Studenten, für berufsmäßige Leser und solche, die schnell einen im Druck vergriffenen Titel benötigen. Dafür, als Ergänzungsprodukt, ist er in gleich welcher Variante eine wunderbare Erfindung. Dass allerdings die wenig technikaffine Hausfrau ihren Romantik-Schmöker auf Dauer gegen ein solches Gerät eintauschen wird, kann man mit Recht bezweifeln. Und der Leser, der weiß, wie sehr Schrifttypen, Satzspiegel und auch der Geruch von Papier die Lektüre beeinflussen, wird am Gleichmacherischen des E-Books erst einmal verzweifeln.

Das elektronische Lesen wird aber sicher neue Formen des Schreibens nach sich ziehen. Es werden kürzere Texte entstehen und solche, die ins Internet verlinkt sind, wo die Leser Spiele zum Thema finden oder über den Fortgang der Geschichte abstimmen können – irgendwann einmal. Die Allianz, die in diesem Frühjahr das prominenteste Gerät, den Sony Reader, durchsetzen will, kämpft noch ganz um ihr jeweils eigenes Terrain. Dabei eint den Hersteller Sony, Deutschlands umsatzstärkste Buchhandelskette Thalia und den Buchgroßhändler Libri nichts außer dem Wunsch, die Übermacht einer Firma zu verhindern, die das Geschäft in den USA dominiert: der Versandbuchhändler Amazon.

Der Witz ist, dass die Verlage den stationären Buchhandel für das E-Book eigentlich gar nicht mehr bräuchten. Für den Vertrieb ihrer gedruckten Titel sind sie aber auf ihn angewiesen. Nur deshalb ist Thalia mit von der Partie. Zugleich haben sich die meisten Verlage der vom Börsenverein initiierten Online-Plattform Libreka angeschlossen, die vom Start der Leipziger Buchmesse an nun auch E-Books anbietet. Wohin wird diese heillose Konkurrenz nur führen?

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat soeben angekündigt, im nächsten Jahr zwei eigene Buchhandlungen mit einem festen, auf rund 5000 Titel begrenzten Angebot zu eröffnen. Die Abteilungen sollen "Wodurch man ein guter Leser wird" heißen, "Was man unbedingt lesen sollte" oder "Wodurch man die Gegenwart besser versteht". Was immer Ortheil empfehlen wird, in Leipzig wird neben allen Diskussionen über Märkte und Mächte ein Rat auch lauten: Literatur.