Der Brief, der Bundeskanzler Gerhard Schröder in einem verschlossenen Umschlag überreicht wurde, bestand nur aus einem einzigen Satz. Doch der löste am 11. März 1999 ein politisches Erdbeben aus und stürzte die rot-grüne Bundesregierung fünf Monaten nach ihrem Antritt ins Chaos. "Hiermit trete ich von meinem Amt als Bundesminister der Finanzen zurück", schrieb Oskar Lafontaine, erklärte gleichzeitig seinen Rücktritt vom SPD-Vorsitz und legte sein Bundestagsmandat nieder.

Zehn Jahre ist dies her. Bis auf Lafontaine sind alle Protagonisten jener rot-grünen Anfangsjahre abgetreten. Joschka Fischer ist Privatier, Gerhard Schröder Lobbyist. Nur der ehemalige SPD-Vorsitzende kämpft an der Spitze der Linkspartei für seine politische Rehabilitierung. Zu dem unrühmlichen Jubiläum allerdings kommt ihm kein Wort über die Lippen. Verwunden, so scheint es, hat Lafontaine seinen selbst verursachten Absturz jedoch nie. Beständig arbeitet er sich an seinen einstigen Widersachern in der SPD ab, als müsse er es mindestens denen noch einmal richtig zeigen.

Angesichts der Wirtschaftskrise wähnt sich Lafontaine sogar wieder oben auf. Voller Genugtuung zitiert er in diesen Tagen aus alten Reden und Interviews. Hatte der selbsternannte Weltökonom nicht schon vor zehn Jahren vor hochspekulativen Hedgefonds, vor einem Kasino-Kapitalismus und dem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems gewarnt? War er dafür nicht von vielen Politikern, Managern und Journalisten verspottet worden?

Doch die alten Zitate taugen weder als Erklärung noch als nachträgliche Rechtfertigung für den Rücktritt. Kein Wort findet sich schließlich davon in der äußerst vagen Stellungnahme, mit der er drei Tage später seinen Rücktritt vor einer Kamera des Saarländischen Rundfunks begründete. Da sprach er lediglich von "schlechtem Mannschaftsspiel" und von "Fehlern, die gemacht wurden". Der lange Atem, die damals nötigen Veränderungen auf internationalem Parkett durchzusetzen, hatte dem Finanzminister offensichtlich gefehlt. Mitstreiter hätte es gegeben, etwa den sozialistischen französischen Finanzminister Lionel Jospin.

Lafontaines Erfolge mit der Linkspartei können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich im März 1999 aus der politischen Verantwortung stahl. Die Wähler haben es nicht vergessen. Sie loben den heutigen Protestpolitiker dafür, dass er den Finger in die Wunden der aktuellen Politik legt. Politische Kompetenz schreiben sie ihm keine zu.

Das hat viel mit den Ereignissen vor zehn Jahren zu tun. Tief ins kollektive Gedächtnis der Deutschen hat sich jenes Bild eingebrannt, das Lafontaine zwei Tage nach dem Rücktritt mit seinem Sohn Carl-Maurice auf den Schultern daheim in Saarbrücken auf der Terrasse zeigt. Es war nicht zu übersehen: Aus einem der mächtigsten deutschen Politiker war über Nacht eine tragische Gestalt geworden.

Dass ein Minister aus dem Amt ins "Privatleben" flieht, ohne Vorwarnung und zunächst ohne jede Begründung, so etwas hatte es in der bundesdeutschen Geschichte noch nicht gegeben. Die Genossen waren entsetzt, "wie ein dreckiges Hemd" habe Lafontaine den Parteivorsitz weggeworfen, klagte der SPD-Altvordere Hans-Jochen Vogel.