Der Mann, der hundert Jahre alt sein soll, betritt das Foyer der Akademie der Künste in Berlin. Schnellen Schrittes geht er zum Podium. Die Übersetzerin, die ihm folgt, kann mit seinem Tempo kaum mithalten. Er hat einen alten braunen Holzstock, allerdings nicht, um sich darauf zu stützen, sondern um seinen Schritten den Takt vorzugeben. Auch als er sitzt, ist der Körper des kleinen, schlanken Mannes kein bisschen gebeugt. Vor siebzig Jahren war er ein international erfolgreicher Stabhochspringer – aufrecht und gespannt ist er bis heute.

Manoel de Oliveira, der große alte Mann des Autorenkinos, lebt und arbeitet und arbeitet und arbeitet schon ein ganzes Jahrhundert. Jetzt ist er wieder in Berlin, nachdem ihm im Februar auf der Berlinale der Preis für sein Lebenswerk verliehen wurde und sein jüngster Film Die Eigenheiten einer jungen Blondine uraufgeführt wurde.

Die Akademie der Künste würdigt jetzt sein Lebenswerk in einer umfassenden Schau. Der portugiesische Präsident Anibal Cavaco Silva, der auf Staatsbesuch in Deutschland ist, hat es sich gestern Abend nicht nehmen lassen, die Ausstellung zu eröffnen, in der sich einhundert Jahre Geschichte und Politik des Landes spiegeln sollen. Äußerst selten bietet sich die Gelegenheit, Oliveiras breit gefächertes Werk kennenzulernen und durch das besondere Ausstellungskonzept die Einzigartigkeit seines Kinos zu begreifen.

Als João Fernandes, Direktor des Serralves Museums für zeitgenössische Kunst in Porto, und João Bénard da Costa, Präsident der Cinemathek Portugals, dem Filmemacher den Vorschlag zu einer Ausstellung seines Lebenswerkes unterbreiteten, fragte dieser: "Ja, aber gibt es in dem Museum denn einen Ort, wo man meine Filme vorführen kann?" Damit hatte er das Grundproblem und die eigentliche Herausforderung einer solchen Ausstellung auf den Punkt gebracht. Wie kann man ein filmisches Werk ins Museum bringen? Wie außerhalb des Kinosaals interessant präsentieren und das Publikum selbst entscheiden lassen, wie viel Zeit es der Erfahrung des Werkes widmet?

Die Kuratoren haben das Werk in Themen gegliedert und Sequenzen aus fünfzig Filmen ausgesucht. Sie veranschaulichen die Spannungsfelder zwischen Dokumentarfilm und Fiktion, Kino und Malerei, Politischem und Sozialem, Theater und Literatur, Frau und Mann, Geschichte und kultureller Identität Portugals.

Der Blick schweift durch die große Ausstellungshalle, Projektionen der Filmfragmente laufen simultan. Die Vielfalt von Oliveiras Werk wird sofort deutlich, die Tiefe und Aussagekraft begreift nur, wer sich wirklich darauf einlässt. Oliveira hat einmal über sein Publikum gesagt: "Sie sind es, die einsteigen müssen und sich dem Film nähern müssen", und von dieser Haltung ist auch die Ausstellung geprägt. Sie spiegelt den  Charakter der Filme wider, die Oliveira nie für den Mainstream gedreht hat.