Die Kanzlerin wird gerade heftig kritisiert, auch aus der CDU. Was steckt dahinter?

Das ist ganz sicher eine Reaktion auf zurückgehende Umfragewerte. In allen politischen Parteien werden die Funktionsträger gnadenlos, wenn der Erfolg auszubleiben droht.

Warum ist die Kritik jetzt so heftig?

Ich vermute, die Partei braucht jetzt, da es bis zur Bundestagswahl noch ein paar Monate sind, ein Ventil. Dicht vor der Wahl wird die Union wieder deutlich geschlossener sein. Die Kanzlerin nimmt ihre Partei allerdings auch zu wenig mit. Das ist nicht nur ihr Problem, auch im Präsidium und unter ihren Stellvertretern wird nicht genug im Team gespielt.

Also stimmt der Vorwurf, sie führe nicht?

Als Parteichefin könnte sie nach meiner Überzeugung mehr tun, einerseits die CDU als Gesamtpartei mitnehmen, andererseits in der Führung besser delegieren. Was ihre Rolle als Kanzlerin angeht, stimmt der Vorwurf pauschal so nicht. Wir sind eine Konsensdemokratie. Die Basta-Worte von Merkels Vorgänger Schröder haben das exakte Gegenteil ausgelöst. Mit der Faust auf dem Tisch kommt man erst recht in einer großen Koalition nicht weiter. Vielleicht ist in den letzten Monaten sogar mehr Politik gemacht worden als lange zuvor, denn die Finanzkrise hat der großen Koalition eine neue Legitimation geschaffen. Aber Merkel müsste sichtbarer machen, warum sie im Dezember noch gegen groß angelegte Konjunkturprogramme war und wenige Wochen später ihre Position änderte.

Baden-Württembergs Ministerpräsident fordert die Kanzlerin auf, "die Uniform der Wahlkämpferin anzuziehen".

Und ironisiert das unfreiwillig, indem er hinzusetzt: Aber erst ab August. 55 Prozent der Bevölkerung sehen sich durch die Krise wirtschaftlich persönlich betroffen. In dieser Situation wäre eine Kanzlerin, die vor allem Wahlkampf macht, nicht wählbar.