US-Präsident Barack Obama erwägt eine Annäherung an moderate Taliban in Afghanistan und demonstriert damit erneut die von ihm beschworene Kehrtwende von der Politik seines Vorgängers George W. Bush. Der Vorschlag stößt allerdings in Teilen der deutschen Politik sowie in Expertenkreisen auf Unverständnis.

Außenamts-Staatsminister Gernot Erler (SPD) begrüßte das Vorhaben. Mit gemäßigten Taliban über die Zukunft des Landes zu verhandeln, sei "ein konsequenter Schritt, wenn man die afghanische Politik ernst nimmt", sagte er. Sein Parteikollege, Verteidigungspolitiker Rainer Arnold, sprach ebenfalls von einem "absolut richtigen Weg". Verhandeln und Frieden schließen müsse man "mit den Feinden, nicht mit den Freunden".

Dagegen beteuerte der CDU-Außenpolitiker Eckart von Klaeden: "Es gibt keine moderaten Taliban. Wären sie moderat, wären sie keine Taliban." Ganz ausschließen sollte man die Taliban aber von den Verhandlungen über die Zukunft des Landes aber nicht, sondern sich stattdessen um Mit- und Überläufer bemühen. Dafür müssten aber vier Voraussetzungen erfüllt sein: Die Taliban müssten elementare Grund- und Menschenrechte sowie die afghanische Verfassung anerkennen und auf Gewalt verzichten. Die Verhandlungen müssten zudem aus einer Position der Stärke heraus und schließlich in Übereinstimmung mit der afghanischen Regierung geführt werden.

Skeptisch zeigte sich auch  der Grünen-Außenpolitiker Jürgen Trittin. Vereinzelte "lokale Versöhnungsprozesse" seien zwar erste kleine "ermutigende Signale". Er wisse aber nicht, "ob das auf der nationalen Ebene funktioniert". Es sei auch unklar, ob es gemäßigte Taliban gebe.

Diese Einschätzung teilen auch diverse Afghanistan-Experten. Citha D. Maass von der Stiftung Wissenschaft und Politik sagte: "Mit dem Ausdruck 'gemäßigte' Taliban habe ich Schwierigkeiten. Ich kann nicht sehen, dass die Taliban gemäßigt sind". Allerdings hält sie solche Gespräche unter bestimmten Bedingungen für sinnvoll. "Die aufständischen Gruppen sind rein militärisch nicht zu bekämpfen."

Auch die Taliban selbst haben das Angebot von Obama als "unlogisch" bezeichnet. "Wir sind vereint, haben einen Führer, ein Ziel, eine Politik", sagte ein Sprecher. "Ich weiß nicht, warum sie über gemäßigte Taliban reden und was es bedeutet." Wenn es sich um ein Angebot an diejenigen handeln sollte, die zu Hause säßen und nicht kämpften, sei das Gespräch mit ihnen bedeutungslos. Im Übrigen sei der einzige Weg zur Beendigung des Krieges der Abzug der ausländischen Truppen aus ihrem Land.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung wiederum verwies die Entscheidung über mögliche Verhandlungen an die Regierung in Kabul. "Ich kann nur die Taliban auffordern, der Gewalt abzuschwören und sich für eine friedliche Entwicklung zu engagieren", erklärte der CDU-Politiker bei seinem Truppenbesuch im nordafghanischen Masar-i-Scharif. Afghanistans Präsident Hamid Karsai müsse dafür Sorge tragen, dass sich eventuelle Taliban-Gesprächspartner von der Gewalt distanzieren.