Furcht hat die Menschen in Heinsberg-Randerath ergriffen, im äußersten Westen von Nordrhein-Westfalen, und die evangelische Pfarrerin Beate Dickmann möchte diesem dunklen Gefühl etwas entgegensetzen. "Die Angst hier geht über das vernünftige Maß hinaus", sagt die Geistliche. Sie arbeitet gerade am Leitartikel für das nächste Gemeindeblatt. Darin wird es um den Besessenen von Gerasa gehen. Jesus reinigt den Mann von seinen bösen Dämonen. Geheilt kann dieser wieder unter seinesgleichen treten.

Während Dickmann in ihrem Büro über die tröstliche Botschaft aus der Bibel spricht, zeigen sich die aufgebrachten Bürger ihrer Gemeinde ein paar Hundert Meter weiter unversöhnlich. Sie glauben nicht an Heilung und zusammenleben wollen sie auf keinen Fall mit dem Mann, der für sie das personifizierte Böse darstellt.

"Achtung! Achtung! Passt auf eure Kinder auf! Hier wohnt die Sex-Bestie Karl D.", steht auf einem Transparent der etwa 80 Protestierenden. Fast zwei Wochen sind vergangen, seit der mehrfach verurteilte Sexualstraftäter Karl D. bei seinem Bruder eingezogen ist. Kurz darauf warnte der zuständige Landrat Stephan Pusch (CDU) die Öffentlichkeit per Pressemitteilung vor dem neuen Bewohner. Seitdem kocht die Volksseele hoch in der 1400-Seelen-Gemeinde. Vor einer Kneipe am Dorfplatz hängt das Konterfei von Karl D. mit knapp geschwärzter Augenpartie. Vor dem Haus seines Bruders stehen 24 Stunden am Tag zwei Einsatzwagen der Polizei.

Drei Mädchen hat Karl D. brutal vergewaltigt, insgesamt verbrachte er fast 20 Jahre im Gefängnis. Nach seiner zuletzt verbüßten Strafe von 14 Jahren kam er nun auf freien Fuß. Gutachter sehen bei dem Straftäter eine Rückfallwahrscheinlichkeit von 80 Prozent, dennoch lehnte das Landgericht München eine nachträgliche Sicherungsverwahrung ab. Die Entscheidung steht im Einklang mit der höchstrichterlichen Rechtsprechung. Eine nachträgliche Sicherungsverwahrung ist ein so schwerwiegender Eingriff, dass sie nur verhängt werden darf, wenn neue Tatsachen vorliegen, die zum Zeitpunkt der Verurteilung nicht bekannt sein konnten. Dass vom Täter grundsätzlich weiter Gefahr ausgehen kann, reicht demnach nicht aus. Die Münchner Strafermittler haben dennoch Revision beim Bundesgerichtshof beantragt. Mehrere Politiker haben den Fall Karl D. inzwischen zum Anlass genommen, eine Änderung des Paragrafen 66b StGB zu  fordern.

In Fällen wie diesem gibt es keinen goldenen Weg. Die Grundrechte des Einzelnen stehen der Furcht der Anwohner um die eigene Sicherheit und die ihrer Kinder gegenüber. In Randerath selbst geht es nun erst einmal darum, die Situation nicht eskalieren zu lassen.

Ortsvorsteher Heinz Franken hat seine Bürger in einem Brief zur Besonnenheit aufgerufen. Man müsse das geltende Recht akzeptieren und dürfe keine Selbstjustiz üben, "indem wir wie im Mittelalter unter Gewaltandrohung Menschen aus dem Dorf jagen." Bei einer Versammlung heute Abend will er die Bürger informieren und konstruktiv mit ihnen die Lage besprechen. Ob dieses Vorhaben die Gemüter tatsächlich beruhigen wird, ist fraglich. Die Proteste scheinen sich inzwischen verselbstständigt zu haben. Bis aus Holland kommen Krawall-Touristen inzwischen nach Randerath, am vergangenen Wochenende fiel ein Tross von Rechtsextremisten in das Dorf ein, um die Aufregung für ihre Zwecke zu nutzen.