Der moderne Krimi ist hart und verstörend. Es ist nicht verwunderlich, dass man nach 900 Filmminuten mit drei Dutzend Leichen ein beklommenes Gefühl hat, denn Düsternis gehört nun mal zum Sujet. Dennoch ist eine ausgesprochene Trostlosigkeit charakteristisch für den neuen deutschen Krimi.

Deutlich wird das beim Fernseh-Krimi-Preis in Wiesbaden. Fast alle der gezeigten Festivalfilme sind für deutsche TV-Verhältnisse hochwertig. Kein Wunder: Die besten Schauspieler, Drehbuchautoren und Regisseure des Landes betätigen sich kriminalistisch. Das Format ist krisenresistent. Es läuft häufiger und ist erfolgreicher als jedes andere. Trotzdem hat sich auch in den Krimi die Krise längst eingeschlichen.

Da ist zunächst der Täter. Seiner Darstellung widmen viele Krimimacher mehr Aufmerksamkeit als den Ermittlern. In keinem der Filme sind die Mörder blutrünstige Scheusale. Man weint eher mit ihnen, als dass man sie verabscheut. Selbst der Arzt in der Polizeiruf-Folge Rosis Baby , der ein behindertes Mädchen schwängert, hat nachvollziehbare Züge. Selbst der Vergewaltiger im Tatort Wolfsstunde ist nicht ganz und gar böse.

Angesagt sind Täterfiguren, "die man nicht hassen kann", sagt der Polizeiruf -Regisseur Andreas Kleinert. Das wahre Leben sei komplexer. Rein böse Menschen gebe es bloß in Schauermärchen. Die Täter der Neuzeit sind kümmerliche, gescheiterte Existenzen. Mit den edlen Ganoven von früher oder den arrogant-fiesen Charakterschweinen haben sie nichts mehr gemein.

In ihrer Verzweiflung ähneln die Täter den Ermittlern. Die deutschen TV-Kommissare sind oft zynisch, depressiv, einsam und ängstlich. Viele leiden unter früheren Familientragödien, manche unter Krankheiten, andere sind Alkoholiker. Kein Vergleich zu den Ermittlern in den US-Krimis, die wie die CSI -Cops smart und glatt sind und keinen Weltenschmerz empfinden.

Im deutschen Krimi hingegen ist die geschundene Kommissarsseele ein zentraler Topos. In zwei preisgekrönten Filmen werden die Ermittler sogar selbst zum Verbrecher. In Der blinde Fleck mordet ein Polizist, um seine kriminelle Tochter zu schützen. In Wolfsstunde prügelt der Ermittler den Vergewaltiger fast tot. Die Polizisten werden überforderter, die Täter menschlicher. Und die Gesellschaft, die beide miteinander verbindet, bedrohlicher.