Gegen 14 Uhr hört Winnenden auf, eine Festung zu sein. Aus der Innenstadt rasen noch Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene in verschiedene Richtungen, doch die Blockaden sind abgebaut, mit denen der Stadtkern stundenlang abgeriegelt worden war. Der 17-Jährige, der am Morgen in der Albertville-Realschule neun Schüler im Alter von 14 und 15 Jahren sowie drei Lehrerinnen erschossen hat , hat sich auf der Flucht selbst getötet. Er starb, wie die Polizei bekannt gab, in einem Supermarkt in Wendlingen, 40 Kilometer vom Tatort entfernt.

Fragen sind offen. Vor allem: Was war das Motiv des 17-Jährigen aus dem Ort Leutenbach, der ein Jahr zuvor jene Schule verließ, die er nun überfiel? Unauffällig sei der Junge während seiner eigenen Schulzeit gewesen, erzählen Behördensprecher. Keine Verweise, keine Schlägereien auf dem Pausenhof. Die Tatwaffe, mit der er gegen 9.30 Uhr in zwei Klassenzimmern um sich schießt, hat er offenbar aus dem Waffenschrank des Vaters genommen.

Die Polizei findet bei einer Durchsuchung des Elternhauses 16 Waffen – alle legal gekauft und ordentlich registriert. Ist ein eigentlich braver Junge durch ein unbekanntes Ereignis spontan durchgedreht? Oder schwelte unter einer unverdächtigen Oberfläche schon lange ein Hass, der einen mörderischen Plan hervorbrachte?

Im Cafe La Piazza, mitten im pittoresken mittelalterlichen Kern von Winnenden, diskutieren sie heftig über die unfassliche Tat. Ein Einzelhändler aus der Stadt schimpft auf den Oberbürgermeister, über die viel zu geringen Finanzmittel, die für die Schulsozialarbeit zur Verfügung gestellt werden. "Aber demnächst sollen hier 15 Millionen Euro für einen neuen Bauhof ausgegeben werden", sagt er.

Ein Kellner des Piazza vermutet die Wurzel des Übels im Elternhaus des 17-Jährigen: "Wenn das Kind Liebe braucht, kauft man ihm einfach ein Geschenk." Die Kollegin hinter dem Tresen unterbricht ihre Spülarbeit. "Die Medien machen es doch vor", sagt sie. Und dann seien da auch diese ganzen furchtbaren Computerspiele. Stummes Nicken. An den Tischen des Piazza herrscht eine seltsame Stille.

Auf seiner Flucht, die ihn von der Albertville-Realschule zunächst in die Innenstadt führt, kommt der Amokschütze am psychiatrischen Landeskrankenhaus von Winnenden vorbei. Ein Patient begegnet ihm auf der Straße. Er wird niedergeschossen und stirbt auf der Stelle. Pflegekräfte, die nach Schichtende aus der Klinik kommen, wirken bleich. "Schockiert" seien sie alle, sagt eine Frau hastig. Mehr zu erzählen, über die Stimmung drinnen oder den toten Patienten, hat die Krankenhausleitung der gesamten Belegschaft verboten.