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Die Schüler in Winnenden wussten genau, was sie zu tun hatten. Die 14-jährige Selina D. schildert plastisch der Süddeutschen Zeitung , wie sie und ihre Freundinnen reagierten, als der bewaffnete Amokläufer Tim K. morgens um halb zehn Uhr die Tür ihres Klassenzimmers aufriss, bekleidet mit einem schwarzen Kampfanzug.

Die Mädchen warfen sich in Sekundenschnelle zu Boden, kippten ihren Tisch um, kauerten sich dahinter und errichteten so eine Deckung. Automatisch beherzigten sie, was sie zuvor gelernt hatten: das richtige Verhalten bei einem Amoklauf.

Die Lehrer reagierten ebenfalls richtig. Eine Lehrerin riegelte geistesgegenwärtig die Klassenzimmertür ab, als Tim den Raum verlassen hatte, um nachzuladen. Er feuerte noch auf Schloss und Tür, doch er bekam sie nicht mehr auf. Davor hatte der Schuldirektor seine Schutzbefohlenen mit einer Durchsage gewarnt. Er gebrauchte ein vereinbartes Codewort: "Frau Koma kommt." Koma rückwärts bedeutet Amok. Alle wussten, was gemeint war.

Sieben Jahre nach dem Amoklauf von Erfurt hat sich in den Schulen vieles getan. Heute weiß jeder Referendar, wie er sich im Notfall verhalten muss: Klassenraum abschließen, auf keinen Fall verlassen und auf Hilfe warten. An unzähligen Schulen wurden Krisenteams gebildet und Evakuierungswege besprochen.

Auch die Polizei verhielt sich mustergültig. Nämlich so, wie sie das eigens für den Notfall trainiert hatte – und ganz anders als in Erfurt 2002, dem ersten deutschen Amoklauf in einer Schule. Damals warteten die Beamten, die zuerst am Tatort gekommen waren, auf Kräfte des Spezialeinsatzkommandos (SEK). Wertvolle Minuten verstrichen. Robert Steinhäuser richtete binnen einer Viertelstunde ein Blutbad an.

Diesmal waren die ersten Polizisten drei Minuten nach der ersten SOS-SMS an der Schule. Ohne zu zögern stürmten sie, ganz normale Streifenpolizisten, das Gebäude. So wurde Tim K. aus der Schule vertrieben. Genau so, wie es die Verhaltensregel für Polizisten gebietet: reingehen, Täter finden, notfalls erschießen. Diese Regel ist seit dem Amoklauf in Emdsdetten 2006 gültig. Fast alle Beamten absolvieren seither einmal jährlich ein "Amoktraining" .

Offensichtlich funktionieren die Notfallpläne der Schulen und Polizeidienststellen. Alle Beteiligten haben die Verhaltensregeln verinnerlicht. Alle Beteiligten in Winnenden waren erstaunlich gut auf einen Amoklauf vorbereitet.

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Nur, was nützt das alles, wenn trotzdem 16 Menschen sterben?

Am Tag nach der blutigen Tat fühlen die meisten Menschen pure Hilflosigkeit. Auf den Schulhöfen und in den Ministerien diskutiert man, ob die Maßnahmen, die ergriffen worden waren, zu lasch sind. Welche Möglichkeiten gibt es, Kinder vor einem schießwütigen Mitschüler zu bewahren? Schließlich nimmt die Zahl der Androhungen von Amokläufen ständig zu. Pro Jahr sind es etwa 60 bis 80 Fälle, die ernst genommen werden müssen. Auch die Zahl der Bluttaten steigt. Gab es in den neunziger Jahren weltweit noch sechs Schul-Amokläufe in einem Zeitraum von drei Jahren, sind es in diesem Jahrzehnt im gleichen Zeitrahmen 23 Vorfälle.

Was also kann getan werden, um die Gefahr einzudämmen? Noch bevor man wusste, wie viele Opfer Tim Ks. Amoklauf fordert, meldeten sich die ersten Kommentatoren mit Verbesserungsvorschlägen. Grob lassen sie sich in zwei Gruppen einteilen: Die einen fordern mehr Verbote, die anderen bessere Präventionsmaßnahmen.

Die Verbot-Fraktion fordert strengere Zugangsregeln auf den Schulgeländen. Wie in den USA schon getan, müsse man jetzt auch in Deutschland die Schultore von Sicherheitskräften überwachen lassen. Aufs Gelände solle man nur noch mit Chipkarten gelangen. Ebenfalls in der Diskussion ist das Waffenrecht. Viele fordern, dass Waffen nicht mehr zu Hause, sondern bloß an sicheren Orten wie Vereinen aufbewahrt werden sollten. Tim K.s Vater gehörte die Tatwaffe. Er hatte es versäumt, sie im Schutzschrank wegzuschließen. Auch Horrorvideos und blutrünstige Computerspiele, von denen Tim und andere Attentäter sich womöglich anstacheln ließen, gehören auf den Index, sagen die Kritiker.

All diese Vorschläge hört man nicht zum ersten Mal. Einiges hat sich seit 2002 längst geändert. Die meisten Schulen kontrollieren seither viel pedantischer, wer das Gebäude betritt. Auch das Waffenrecht ist verschärft worden, zuletzt 2008. Die Altersgrenze für den Besitz großkalibriger Sportwaffen wurde von 18 auf 21 Jahre hinaufgesetzt. Pumpguns wurden 2003 verboten, ebenso wie sogenannte "Killerspiele", wenn die 2003 dafür eingerichtete Prüfstelle so entscheidet, was 40-mal im Jahr vorkommt.

Die Präventions-Fraktion sagt, man könne nicht alles verbieten, um das Böse auszuschließen. Zumal ja nicht jeder, der Killerspiele spielt, selbst zum Killer wird. Sie wollen Amokläufe lieber mit Präventions- und Sozialhilfsmaßnahmen bekämpfen. Vor allem sind es die Lehrer selbst, die mehr psychologisch geschultes Personal fordern. Häufig senden die Täter vorher Signale aus, kündigen mitunter das Attentat sogar an. Nach Erfurt sagte der damalige Innenminister Otto Schily: "Jede Schule braucht ihren eigenen Schulpsychologen."

Das ist nach wie vor ein Wunschziel. Zwar wurden inzwischen an vielen Schulen Psychologen eingestellt. Im internationalen Vergleich allerdings liegt Deutschland nicht vorn. In Thüringen etwa gibt es bis heute gerade einmal 20 Stellen für Schulpsychologen. Baden-Württemberg verdoppelte 2006 die Zahl der Stellen nach der letzten Androhung eines Amoklaufs auf 101. Auf jeden Psychologen kommen in Baden-Württemberg 17.000 Schüler, bundesweit ist der Schnitt etwas besser: 1:12.000.

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In Finnland hingegen ist an fast jeder noch so kleinen Schule ein eigener Haus-Psychologe beschäftigt. Allerdings konnten die auch nicht verhindern, dass 2007 und 2008 zwei finnische Schüler Amok liefen.