Nur, was nützt das alles, wenn trotzdem 16 Menschen sterben?

Am Tag nach der blutigen Tat fühlen die meisten Menschen pure Hilflosigkeit. Auf den Schulhöfen und in den Ministerien diskutiert man, ob die Maßnahmen, die ergriffen worden waren, zu lasch sind. Welche Möglichkeiten gibt es, Kinder vor einem schießwütigen Mitschüler zu bewahren? Schließlich nimmt die Zahl der Androhungen von Amokläufen ständig zu. Pro Jahr sind es etwa 60 bis 80 Fälle, die ernst genommen werden müssen. Auch die Zahl der Bluttaten steigt. Gab es in den neunziger Jahren weltweit noch sechs Schul-Amokläufe in einem Zeitraum von drei Jahren, sind es in diesem Jahrzehnt im gleichen Zeitrahmen 23 Vorfälle.

Was also kann getan werden, um die Gefahr einzudämmen? Noch bevor man wusste, wie viele Opfer Tim Ks. Amoklauf fordert, meldeten sich die ersten Kommentatoren mit Verbesserungsvorschlägen. Grob lassen sie sich in zwei Gruppen einteilen: Die einen fordern mehr Verbote, die anderen bessere Präventionsmaßnahmen.

Die Verbot-Fraktion fordert strengere Zugangsregeln auf den Schulgeländen. Wie in den USA schon getan, müsse man jetzt auch in Deutschland die Schultore von Sicherheitskräften überwachen lassen. Aufs Gelände solle man nur noch mit Chipkarten gelangen. Ebenfalls in der Diskussion ist das Waffenrecht. Viele fordern, dass Waffen nicht mehr zu Hause, sondern bloß an sicheren Orten wie Vereinen aufbewahrt werden sollten. Tim K.s Vater gehörte die Tatwaffe. Er hatte es versäumt, sie im Schutzschrank wegzuschließen. Auch Horrorvideos und blutrünstige Computerspiele, von denen Tim und andere Attentäter sich womöglich anstacheln ließen, gehören auf den Index, sagen die Kritiker.

All diese Vorschläge hört man nicht zum ersten Mal. Einiges hat sich seit 2002 längst geändert. Die meisten Schulen kontrollieren seither viel pedantischer, wer das Gebäude betritt. Auch das Waffenrecht ist verschärft worden, zuletzt 2008. Die Altersgrenze für den Besitz großkalibriger Sportwaffen wurde von 18 auf 21 Jahre hinaufgesetzt. Pumpguns wurden 2003 verboten, ebenso wie sogenannte "Killerspiele", wenn die 2003 dafür eingerichtete Prüfstelle so entscheidet, was 40-mal im Jahr vorkommt.

Die Präventions-Fraktion sagt, man könne nicht alles verbieten, um das Böse auszuschließen. Zumal ja nicht jeder, der Killerspiele spielt, selbst zum Killer wird. Sie wollen Amokläufe lieber mit Präventions- und Sozialhilfsmaßnahmen bekämpfen. Vor allem sind es die Lehrer selbst, die mehr psychologisch geschultes Personal fordern. Häufig senden die Täter vorher Signale aus, kündigen mitunter das Attentat sogar an. Nach Erfurt sagte der damalige Innenminister Otto Schily: "Jede Schule braucht ihren eigenen Schulpsychologen."

Das ist nach wie vor ein Wunschziel. Zwar wurden inzwischen an vielen Schulen Psychologen eingestellt. Im internationalen Vergleich allerdings liegt Deutschland nicht vorn. In Thüringen etwa gibt es bis heute gerade einmal 20 Stellen für Schulpsychologen. Baden-Württemberg verdoppelte 2006 die Zahl der Stellen nach der letzten Androhung eines Amoklaufs auf 101. Auf jeden Psychologen kommen in Baden-Württemberg 17.000 Schüler, bundesweit ist der Schnitt etwas besser: 1:12.000.