Kuchen für die Kreiskonstante

Geduld zahlt sich manchmal aus. Am Mittwoch ernannte der US-Kongress den 14. März zum offiziellen Nationaltag für die Kreiskonstante Pi – nach 22 Jahren. Es war 1987, als ein Mann namens Larry Shaw den ersten Pi-Tag zelebrierte, im Exploratorium, einem Museum in San Francisco. Shaw, Mitarbeiter des Museums, wird seitdem von Mathe-Nerds verehrt als der "Prince of Pi".

Den 14. März hat Shaw nicht zufällig als Datum gewählt. In der amerikanischen Schreibweise wird der Monat zuerst genannt, danach kommt der Tag: 3/14. Das entspricht den ersten drei Stellen von Pi: 3,14. Die nachfolgenden drei Stellen bestimmen die Uhrzeit für die Zeremonie: 159, also 1.59 Uhr, nachmittags. Dann laufen Shaw und seine Jünger im Kreis um den Pi-Schrein, der in der Mitte des Exploratoriums steht – eine Metallplatte mit den ersten hundert Stellen von Pi – und essen kreisrund gebackene Kuchen, auf denen Dezimalstellen von Pi stehen.

Die mathematische Konstante Pi ist nach dem griechischen Buchstaben π benannt und beschreibt den Umfang eines Kreises, unabhängig von seiner Größe, im Verhältnis zu seinem Durchmesser. Pi ist eine irrationale Zahl, kann also nicht als Bruch dargestellt werden und hat unendlich viele Nachkommastellen, die sich nie wiederholen sollen. Über eine Billion Stellen von Pi wurden bisher bestimmt. Die Unendlichkeit ist ein Grund für die seit Jahrtausenden anhaltende Faszination für die Konstante: Pi bleibt immer ein bisschen geheimnisvoll.

Die Regeln für einen Pi-Tag lassen sich auf drei Punkte zusammenfassen: Es muss etwas Rundes geben, es muss mit Mathematik zu tun haben, und es muss Spaß machen. Das von Shaw begründete Kuchenritual ist das beliebteste. Das englische Wort für Kuchen ist "Pie" und so wird aus dem Pi-Tag gern auch ein Pie-Day.

In US-amerikanischen Schulen, aber auch an der Elite-Uni Harvard oder an der Technologieschmiede MIT (Massachussetts Institute of Technology) gibt es am 14. März regelmäßig Kuchenwettessen. Beliebt sind auch Wettkämpfe im Aufsagen von Pi-Dezimalstellen – aus dem Kopf.

In Deutschland wird der inoffizielle Feiertag kaum begangen. Es gibt nur wenige Veranstaltungen, etwa eine Handvoll Internetforen, und sicherlich wird der ein oder andere Pi-Kuchen in Mathematiker-WGs angeschnitten. Eine Massenbewegung, wie das in den vergangenen Jahren nach Europa übergeschwappte Halloween-Fest, sucht man – auch nur annähernd – vergebens.

Über die Gründe könne nur spekuliert werden, meint Thomas Vogt von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. "Wir sind ja eher ein Volk der Dichter und Denker", sagt er und spielt auf das Imageproblem an, das Naturwissenschaften und die Mathematik oft habe. Graue Theorie, staubtrocken, kurzum: langweilig. Studentenzahlen sind für Vogt dabei ein Gradmesser: "Die Geisteswissenschaften haben meist viel mehr Einschreibungen."

Kuchen für die Kreiskonstante

Der Mathematiker Larry Shaw beim Einmarsch zum Pi-Day

Berlin, hält am 14. März regelmäßig Vorträge über Pi. Immerhin an die 200 Besucher sollen seine Veranstaltungen zählen. Als einer der Ersten beging Alfred Beutelspacher den PI-Tag öffentlich in Deutschland. Der Gießener Mathematikprofessor nutzte 1998 eine Ausstellungseröffnung, um mit ein paar Kurzpräsentationen "eine runde Sache zu feiern".

Nur vereinzelt gibt es ein paar Mathe-Enthusiasten, die den Pi-Tag mit etwas Werbung für das eigene Fach verbinden. Ehrhard Behrends zum Beispiel, Professor für Mathematik und Informatik an der FU

"Das war zuerst eine kleine Schnapsidee", sagt Beutelspacher. Einer seiner Mitarbeiter hatte den Einfall, da das Datum so gut zu der Zahl passte. Von der amerikanischen Tradition will Beutelspacher damals noch nichts gewusst haben. "Es gab aber schon immer Leute, die merkwürdige Dinge mit Pi getan haben. Etwa auf Berge klettern, um dort laut die Nachkommastellen zu zitieren."

Am 14. März hat Beutelspacher zwar noch nie einen Zahlen-Kuchen angeschnitten und seit 1998 auch keinen weiteren Pi-Tag begangen. Den spielerischen Zugang findet er jedoch wichtig. Er nennt es "eine offene Flanke Richtung Verrücktheit". Ein Ansatz, den er als Direktor des Erlebnismuseums "Mathematikum" seit Jahren verfolgt. Dieses Jahr gibt es in Gießen wieder einen Pi-Tag, es wird mit einer langen Museumsöffnung reingefeiert: "Freitag, der 13. und der 14. März – das ist für Mathematiker eine unschlagbare Kombination", sagt Beutelspacher. Einen Kuchen wird es aber auch dieses Mal nicht geben.

In den USA ist man inzwischen einen großen Schritt weiter. Mit der Einführung des Pi-Nationaltages soll es Schulen möglich sein, diesen Tag zu feiern und so auf unkonventionelle Art Zugang zur Mathematik zu geben.

Die Kongress-Initiative hatte wichtige Unterstützer. Mehrere Verbände, darunter der internationale Berufsverband der Ingenieure IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers), setzten sich für die Einführung eines offiziellen Pi-Tags ein. Eine solche Aktion wünscht sich Thomas Vogt auch für Deutschland. Etwa nach dem Vorbild des etablierten "Girls Days", der mehr Mädchen für Technikberufe begeistern soll. "Ein Pi Day wäre aber für Mädchen und für Jungen." Und eine Chance auf ein besseres Ansehen der Mathematik.

Das Zeug zur populären, vielleicht auch leicht verrückten Wissenschaftstradition hätte ein Pi-Tag durchaus. Die Begeisterung gebe es für keine andere Zahl, sagt Beutelspacher. "Das ist rational einfach nicht nachzuvollziehen." Pi sei sogar eines der wenigen Themen, mit Nichtmathematikern ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel beim Essen. Larry Shaw drückt es auf der Webseite des Exploratoriums so aus: "Am wichtigsten ist, dass die Leute Kuchen essen."