Die erste große Panne der Polizeiarbeit in Winnenden hatte am Donnerstag der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) höchstpersönlich geliefert. Er verlas am Mittag bei einer Pressekonferenz vor Hunderten Journalisten aus dem In- und Ausland ein angebliches Bekennerschreiben des Amokschützen Tim K. , das in einem Internet-Forum des Servers krautchan.net gestanden haben sollte. Das Motiv für die Tat schien gefunden – und es wurde in alle Welt verbreitet, auch durch ZEIT ONLINE.

Noch am Abend desselben Tages kam das Dementi vom Innenministerium. Es gebe Zweifel an der Echtheit des Schreibens, hieß es kleinlaut. Weitere Ermittlungen seien notwendig. Der Betreiber des Servers, der das Forum vorübergehend vom Netz genommen hat, äußerte sich in einer Stellungnahme, die noch im Netz verfügbar ist, deutlicher. Die Presse habe sich von einer Fälschung täuschen lassen. "Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können."

Gemeint war damit, dass ein Unbekannter die Oberfläche des Forums kopiert, durch das fiktive Bekennerschreiben ergänzt und ins Netz gestellt hat. Der Serverbetreiber weiter: "Vielleicht hat der Täter die Site mal besucht, den durch die Presse gegangenen Beitrag hat er jedenfalls nicht verfasst, denn der hat nie existiert."

Peinlicherweise hatte der Minister Rech bei der Pressekonferenz wenige Stunden zuvor auf die Nachfragen von Journalisten versichert, es sei eine gesicherte Erkenntnis: Der Chat-Eintrag sei vom Computer des getöteten Tim K. abgesendet worden, kein Zweifel!

Wie es zu dieser Behauptung kam, erklärt die Waiblinger Polizei inzwischen mit einem internen Übermittlungsfehler. Der Urheber der Falschmeldung ist unbekannt. Es wird eines oder mehrerer Online-Spezialisten, wie es sie beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg gibt, bedürfen, ihn zu finden. Ob einer dieser Experten bisher überhaupt zu den aktuellen Ermittlungen hinzugezogen war, muss angesichts der Informationspanne bezweifelt werden. Weder die Waiblinger Polizei noch die Staatsanwaltschaft Stuttgart wollen sich dazu äußern.

Das gilt auch für andere Vorwürfe, die in den vergangenen Tagen laut geworden sind. So wundern sich Zeugen, die den Einsatz am Mittwoch beobachtet haben, weshalb die Polizei zwar rasch Hunderte Einsatzkräfte vor der Albertville-Realschule zusammengezogen hatte, den 17-Jährigen auf einem oberen Treppenabsatz sogar beschoss, aber dann nicht bemerkte, wie der Schütze aus dem Gebäude floh.