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Was trieb Tim K. zu seiner Tat? Wer war dieser Jugendliche? Darüber rätseln die Menschen in ganz Deutschland. Nun haben sich erstmals die Eltern des Jungen geäußert. Sie teilten über ihren Anwalt mit, dass ihr Sohn nie in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei. Damit dementierten sie bisherige Behördenangaben und erklärten weiter, Tim K. sei deswegen auch in keiner Klinik behandelt worden.

Dagegen sagte Matthias Michel, der Ärztliche Direktor des Klinikums am Weißenhof, dem Südwestrundfunk : Der 17-Jährige wurde "auf ambulanter Basis" insgesamt fünf Mal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Dabei seien mehrere Tests durchgeführt und eine weitere Behandlung in Winnenden empfohlen worden. Dies habe er aber abgelehnt.

Zudem wies der Anwalt im Namen seiner Mandanten zurück, dass sich im Keller des Familienhauses ein Schießstand befinde. In den vergangenen Tagen war mehrfach berichtet worden, Tim habe dort regelmäßig mit Druckluftwaffen geübt.

Der Spiegel berichtet unterdessen, der Jugendliche habe am Abend vor dem Amoklauf in Winnenden sogenannte Killerspiele im Internet gespielt. Die Auswertung des Rechners habe ergeben, dass Tim K. gegen 19.30 Uhr das Spiel "Far Cry 2" startete und den PC gegen 21.40 Uhr ausschaltete.

Auf seinem Computer habe Tim K. auch sogenannte Shooter wie "Counter Strike" und "Tactical Ops" installiert. Die Fahnder fanden daneben etwa 200 Pornobilder, davon mehr als 120 sogenannte Bondage-Bilder, die nackte, gefesselte Frauen zeigen.

Zudem hat sich der 17-Jährige laut Spiegel schon vor Monaten mit Schulmassakern beschäftigt. Er sei unter mehreren Pseudonymen wie "JawsPredator1" im Internet aktiv und gewesen und habe unter anderem bei der Plattform "MyVideo" ein entsprechendes Profil gehabt.

In einem der Diskussionsforen zu den Schulmassakern von Erfurt und Emsdetten meldete sich demnach am 23. August 2008 "JawsPredator1" zum Thema Amokläufer zu Wort: "Das witzige ist ja selbst wenn diejenigen es ankündigen glaubt es ihnen niemand." Als Autor vermuten die Ermittler dem Bericht zufolge Tim K..

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Dieser soll seinen Vater nach dessen Aussagen bei der Polizei mindestens dreimal zu Schießübungen im Schützenverein begleitet haben, zuletzt vor drei Wochen. Der Sohn habe darauf gedrängt, den Umgang mit den Waffen zu lernen. Die Übungen fanden mit der späteren Tatwaffe, einer Beretta, statt.

Bei den Ermittlungen spielen die Eltern eine zentrale Rolle. Bisher waren sie jedoch noch nicht zu umfassenden Aussagen in der Lage. Ihre Vernehmung sei schon nach kurzer Zeit abgebrochen worden, sagte Baden-Württembergs Innenminister Rech. "Eine vertiefende Vernehmung wird stattfinden, wenn die Eltern wieder können." Den Eltern, die 15 Waffen - darunter die Tatwaffe - zu Hause gelagert hatten, werde von der Polizei bislang kein Fehlverhalten vorgeworfen.

Die Ermittler rätseln weiter über das Motiv des Amokläufers. "Es gibt verschiedene Anhaltspunkte, aber es gibt nicht die schlüssige Erklärung dafür". Zuvor hatten die Behörden eine schwere Ermittlungspanne einräumen müssen. Denn anders als zunächst verkündet wurden auf dem beschlagnahmten PC des Todesschützen keine Belege für eine Ankündigung des Blutbads im Internet gefunden. War der Hinweis in einem Chatroom eine Fälschung? Diese ungelöste Frage belastet die Ermittlungen und sorgt für heftige Irritationen .

Nun überprüft eine Sonderkommission, ob die Ankündigung authentisch oder gefälscht sei. Geprüft werde solle auch, ob der Eintrag mit der Aussage "Ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen" nicht von einem anderem Computer als dem des Täters gesendet wurde. Zudem haben die Beamten dazu zwei jugendliche Zeugen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen vernommen, die den Internet-Eintrag unabhängig voneinander gesehen haben wollen.

Die Betreiber des Forums beteuerten derweil auf ihrer Internetseite, es handele sich um eine Fälschung, und präsentierten ein Protokoll der fraglichen Einträge, in dem die vermeintliche Ankündigung tatsächlich erst Stunden nach dem Blutbad auftaucht.

Derweil ist die Diskussion um das Waffenrecht in Deutschland neu entbrannt. Dabei geht es vor allem um privaten Besitz von Waffen und Munition sowie deren Aufbewahrung in Privathaushalten. Vielen Experten und Politikern sind die momentanen Regelungen in dieser Hinsicht noch zu lasch.

So fordert der Vorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamten, Klaus Jansen, dass Sportschützen ihre Munition bei der Polizei abliefern sollten. "Eine Waffe ohne Munition taugt nicht viel." Ihm sträubten sich die Haare, wenn er höre, dass 5000 Schuss Munition in einem Privathaushalt herumlägen. Großkalibrige Waffen wie die Beretta, die der Amokschütze Tim K. verwendet hatte, gehörten nicht in die Hand von Privatpersonen.

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Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer sprach sich dafür aus, Privatpersonen die Aufbewahrung von Schusswaffen weitgehend zu verbieten. Waffen, die für Freizeit-, Sport-, und Brauchtumszwecke verwendet werden, sollen ausnahmslos nur noch in den Schützenvereinen aufbewahrt werden, forderte Scheer, in dessen Wahlkreis Winnenden liegt.

Ein schärferes Waffenrecht birgt nach Einschätzung von Altbundespräsident Roman Herzog allerdings auch Gefahren: Die Folge wäre, dass in jedem Haus herumgeschnüffelt und unangemeldet Stichproben gemacht werden müssten. "Dann wird die ganze deutsche Medienwelt wieder vom Überwachungsstaat reden."

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) dringt auf eine andere Lösung: Sie setzt sich für den Einsatz moderner Blockiersysteme für Waffen und Waffenschränke ein. "Modernste Sicherheitstechnik für Waffen ist der richtige Ansatz, um das Risiko unbefugter Zugriffe auf unverschlossene Gewehre und Pistolen von Sportschützen oder Jägern zu minimieren", sagte GdP-Chef Konrad Freiberg. Nach seinen Angaben ist es schon heute möglich, Waffen elektronisch zu sperren oder mechanisch zu blockieren. Mittelfristig wäre es denkbar, dass sich Waffen nur noch durch den eigenen Fingerabdruck freischalten ließen.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) forderte indes die Einrichtung einer Notruf-Nummer für Internet-Chat-Rooms. Wenn jugendlichen Internetnutzern etwas komisch vorkommt, dann sollten sie es melden können. "So etwas wie eine 110-Nummer im Netz, dass man sagt, das ist mir unheimlich, ich brauche Hilfe."

Auch der Streit darüber, wie gegen sogenannte Killerspiele vorgegangen werden soll. Während Bayern eine Initiative zum Verbot gewaltverherrlichender PC-Spiele ankündigte, erklärten Vertreter der Bundesregierung, die gesetzlichen Grundlagen dafür seien gegeben. Die Computerspielbranche lehnte ein Verbot aller derartigen Spiele ab. Der Jugendschutz sei ausreichend.