Maskottchen der Doping-Sünder – Seite 1

Am Samstag tagt in Leipzig die Hauptversammlung Deutscher Radfahrer (BDR). Präsident Rudolf Scharping stellt sich zur Wiederwahl. Der einstige SPD-Kanzlerkandidat und Verteidigungsminister hat allerdings Konkurrenz bekommen: Dieter Berkmann, ein Orthopäde aus dem bayerischen Ort Miesbach und ehemaliger Olympiafahrer, tritt gegen ihn an. Auch eine dritte Gruppe um den Hamburger Verbandsfürsten Manfred Schwarz bekundet Interesse. Kenner des Radverbandes sagen allerdings, die Kandidatur Schwarz', der auch Sprecher der siebzehn BDR-Landesverbände ist, sei ein taktisches Manöver, um Berkmann zu schwächen und Scharping zu stützen.

Im hektischen Tagesgeschäft, in dem alle Seiten viel versprechen, hilft es, an Vergangenes zu erinnern. Wie war das vor vier Jahren, als Scharping BDR-Präsident wurde?

Damals saß Jan Ullrich noch auf dem Rad und Gerhard Schröder im Kanzleramt. Schröder schickte dem Genossen Rudolf ein Glückwunschtelegramm. Und Scharping, der auf der Wahlversammlung am 19. März 2005 mangels Gegenkandidaten kein Programm vorstellen musste, orakelte über "diese wunderschöne Welt einer Ausdauersportart". Er wollte Jan Ullrich, Erik Zabel und andere Profis für den Verband einspannen.

Wenige Monate später war Schröder nicht mehr Kanzler. Ein Jahr später flog in der Operación Puerto ein weit verzweigtes Drogen- und Blutdopingnetz auf. Im Jahr darauf beendete Ullrich seine Karriere mit einer wirren Rede, in der klar wurde, wie sehr er Scharping verachtet. Der Mann, "der den Abstieg vom Verteidigungsminister zum Radpräsidenten hinter sich hat", sagte Ullrich, "war einer meiner größten Schulterklopfer und hat meine Popularität für sich genutzt".

Ullrich hatte vielleicht Details über seine Beziehung zum Blutpanscher Eufemiano Fuentes vergessen, eines jedoch nicht: Scharpings einst innige Nähe zum Team Telekom. Der Ex-Politiker war bis weit ins dritte Jahrtausend hinein eine Art lebendes Maskottchen der Doper aus dem Bonner Rennstall. Er fuhr während der Tour de France im Mannschaftswagen mit. Er schrieb Kolumnen für die Bild-Zeitung, die wie Fan-Bekenntnisse in einer Schülerzeitung klangen: "Abends im Hotel wird ein Außenstehender höchstens an den Trikots oder den Bergen von Spaghetti und Reis ahnen, dass da nicht eine entspannte Reisegesellschaft unterwegs ist, sondern eine Profitruppe von Radsportlern mit erstaunlichen sportlichen Höchstleistungen." Abends im Hotel türmten sich allerdings nicht nur Berge von Spaghetti und Reis, sondern auch Blutbeutel, Handzentrifugen, Spritzbesteck und Drogen.

Es klingt absurd: Scharping wurde einst als Retter des schwer erschütterten BDR gehandelt. Vor vier Jahren behauptete Dieter Kühnle, Chef der sogenannten Findungskommission, Scharping sei "ein Glücksfall" für den BDR. "Ein guter Moderator, der auf andere zugeht." Heute sagt derselbe Kühnle, der diesmal Stimmen für Dieter Berkmann sammelt: Scharping spalte.

Kühnle, Vertrauter des DOSB-Präsidenten Thomas Bach, war im Spätsommer 2007 nach der Nominierung dopingbelasteter Profis für die Straßen-WM in Stuttgart als BDR-Vizepräsident zurückgetreten. "Die Verbandsspitze hat den Ernst der Lage nicht erkannt und versäumt, durch einen Neuanfang ein deutliches Zeichen zu setzen", sagte er. Diese Diagnose gilt bis heute.

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Scharpings Gegenkandidat Dieter Berkmann reklamiert für sich, "eine weiße Weste" zu haben. Im juristischen Sinne mag das zutreffen. Andererseits: Berkmann fuhr im Amateurnationalteam, er war Profi und in den achtziger Jahren kurz im BDR-Ärzteteam tätig. Wenn sich etwas erwiesen hat in den vergangenen Jahren, dann dies: Im Radsport kungelt jeder mit jedem.

Kann jemand, der im Radsport groß geworden ist, von sich behaupten, unbelastet zu agieren? Konnte sich jemand der Dopingfrage entziehen? Berkmanns Vorhaben, "offensiver mit dem Dopingproblem" umzugehen, die Verbandsführung "umzukrempeln" und Altlasten wie den umstrittenen Sportdirektor Burckhard Bremer "auszutauschen", klingen honorig. Die Selbstreinigungskraft des Sports aber ist traditionell unterentwickelt.

So hatte bereits Scharping versprochen, "die Vergangenheit lückenlos und ohne Rücksicht auf Namen und Stellungen aufzuarbeiten". Seine Bilanz ist desaströs. Viele Skandale sind ungeklärt. Der BDR steht finanziell am Abgrund. Der Verband gilt als Synonym für Vetternwirtschaft und Intransparenz. Vorzeigeathleten wie die Mountainbike-Olympiasiegerin Sabine Spitz haben das Vertrauen in die Führung längst verloren.

Scharpings größtes Werk gelang ihm im Herbst 2008, als der Sportausschuss des Bundestages die Kürzung der Sportfördermittel diskutierte, unter anderem, weil bei der Deutschen Meisterschaft der Mountainbiker auf Dopingkontrollen verzichtet worden war. Eine Sperre oder gar ein Entzug von Teilen der 2,6 Millionen Euro hätte den Verband womöglich in den Konkurs getrieben.

Der BDR organisierte eine Propagandawelle mit Stellungnahmen, deren Wahrheitsgehalt fraglich war. Bei der Anhörung im Ausschuss verbreitete Scharping grinsend die Mär, der BDR bewege sich an der Front der Dopingaufklärer. Das genügte. Nur Winfried Hermann, Sportsprecher der Grünen, bemühte sich um Aufklärung. Alle anderen Fraktionen sprangen Scharping zur Seite.

Das aber war nur Politik, nicht das richtige Leben. Am Samstag in Leipzig sollte es Scharping nicht wieder so einfach haben.