Drei Mal gab es das Duell Italien gegen England, drei Mal heißt der Verlierer Italien: Juventus Turin, AS Rom, Inter Mailand. Für die einst bedeutendste Fußballnation Europas eine schmerzliche Erfahrung. Tom Mustroph (taz) glaubt, dass Verkrustungen den italienischen Fußball schwächen: "Den spielerisch hochwertigeren Fußball praktizieren schon jetzt Mittelklassevereine wie Genoa oder Cagliari, Palermo oder Atalanta. Dass sie nicht bis ganz oben durchkommen, liegt an individuellen Mängeln, physiologischen Abwärtskurven und auch an der berühmten Sudditanza, der Ergebenheit der Schiedsrichter gegenüber den großen Mannschaften. Im Zweifel wird denen doch ein Elfmeter zugesprochen oder der farbige Strafkarton in der Tasche gelassen. In Italien können sich Juve und Inter, Milan und Roma darauf verlassen, dass das Beet bestellt ist. Wettbewerb und Fehleranalyse sind die Schönlinge der Serie A nicht gewohnt. Daher erleiden sie Schiffbruch, sobald sie außerhalb der Landesgrenzen antreten müssen."

Die italienische Zeitung La Stampa kommentiert das Ausscheiden ungewohnt sportlich: "Man muss den Engländern recht geben, die sich als Herren des Klubfußballs sehen und dies auf vielen Ebenen auch sind", schreibt Marco Ansaldo. Von "erhobenem Kopf" ist gar die Rede. Aufrechte Niederlagen galten in Fußballitalien bislang nicht als hochgeschätzter Wert.

In deutlichen Worten stellt La Repubblica die Frage, ob der italienische Klubfußball nicht ein aufgeblasenes und überbewertetes Produkt sei, an dem die modernen Entwicklungen in taktischer und athletischer Hinsicht vorübergegangen sind, während sich die Presse weiterhin an sechs von sieben Tagen strittigen Schiedsrichterentscheidungen widmet: "Italien muss sich nicht erniedrigt fühlen von diesem dreifachen Ausscheiden, täte aber besser daran, weil die Wurzeln dieser Niederlagen klar sind. Aber ab heute wird man zurückkehren zu Zeitlupenpolemiken und Schiedsrichterschelte in einem festgefahrenen System ohne Ideen."

Weiter heißt es: "Ein intelligentes Fußballsystem würde sich nach diesem 0:3 viele Fragen stellen. Es würde nicht sofort Alibis oder Entschuldigungen suchen. Es würde sich fragen, ob die Zusammensetzung der Mannschaften nicht auf Werten wie der Gruppe oder dem Kampfgeist beruht, während die Engländer, also diejenigen, die einstmals als Skistiefel bezeichnet wurden, uns zeigen, dass es vor allem eine außerordentliche individuelle technische Qualität als Basis braucht, um hohes Niveau zu erreichen."

Ein weiterer großer Verlierer kommt aus Spanien. Nach dem 0:4 in Liverpool rät Raphael Honigstein (taz) Real Madrid, das zum fünften Mal nacheinander das Viertelfinale verpasst hat, zur Besinnung und Therapie: "Ein Spitzenklub ist nach so einem schweren, kurzen Schock gezwungen, lange in den Spiegel zu schauen. Madrid, das aufgrund der Setzliste Jahr für Jahr wenigstens die erste K.-o.-Runde erreicht, scheint weder zu wissen, wie es in diesen Sumpf des Durchschnitts geraten ist, noch, wie man da wieder herauskommen könnte. Es ist schrecklich modern geworden, von Vereinen eine Identität zu fordern. Real, laut Fifa der ‚beste Klub des 20. Jahrhunderts‘, braucht neben Demut, handwerklicher Sorgfalt und einem Hauch von Kontinuität vor allem: weniger Anspruch."

Unter ökonomischer und politischer Perspektive blickt Klaus Hoeltzenbein (SZ) auf das Handeln der Klubführung Real Madrid: "Geld = Macht? Langweilig wär‘s, wenn‘s so einfach wäre. Es genügt nicht, über Geld zu verfügen, man muss es auch kunstvoll verschwenden können. Und Real hat es verlernt. Real kauft vermeintliche Stars, komponiert aber schon lange keine große Mannschaft mehr. Was auch in der Struktur des Vereins begründet liegt: Bei Real wird der Präsident gewählt, Wahlkampf ist permanent, weshalb die Kandidaten stets neue Stars versprechen, um das Volk zu beruhigen. Liverpool hingegen gehört zwei fußballfernen, autoritären US-Investoren – mit Real hat ausnahmsweise einmal die Demokratie verloren."

Auch Christian Eichler (FAZ) stellt große Madrider Versäumnisse fest: "Es war keine Niederlage, es war kein Debakel, es war eine Demontage – die einer Institution des europäischen Fußballs. Der berühmteste Klub der Welt hat kein Konzept für die Zeit nach den 'Galácticos' gefunden. Seit Zidanes Siegtor im Finale gegen Leverkusen 2002 ist der Zug im europäischen Top-Fußball links und rechts vorbeigerauscht." Pointiert bringt er die Zweigesichtigkeit Liverpools aufs Papier: "Das Paradox lautet: Sie sind die drittbeste Mannschaft Englands und die beste Europas."

Nach dem 7:1 gegen Sporting Lissabon geht Andreas Burkert (SZ) von einer Persönlichkeitsspaltung bei den Bayern aus: "Das Duell bildete den vorläufigen Höhepunkt einer schizophrenen Saison. In der Liga ringt die Mannschaft weiterhin um Souveränität und Struktur – in Europa gelingt eine makellose Bilanz: sechs Siege, zwei Remis, 24:5 Tore."