Der Daumen-Roman – Seite 1

Yoshi schreibt seine Bestseller mit seinen Daumen. Er ist in Japan der bekannteste Autor von Handyromanen. Dieses Genre wird mit dem Handy getippt und meistens auch auf dem Bildschirm gelesen. In seinem Roman Deep Love geht es um eine 17-jährige Frau, die als Prostituierte ihren Körper verkauft, um Geld für eine Herz-Operation ihres Freundes zu sammeln. Der Plan schlägt fehl: Sie infiziert sich bei einem Freier mit dem HIV-Virus und stirbt.

Das Buch wurde 2002 zum Bestseller und das Genre Handyroman, japanisch keitai shosetsu, eroberte die Bestseller-Liste. Viele dieser Romane stehen auch in gedruckter Form in den Bücherregalen. Im Januar 2009 verkauften sich 1,7 Millionen Exemplare auf dem japanischen Markt. Auch online bleiben die Zahlen konstant hoch: Magic Island, das größte Portal Japans für dieses Genre, verzeichnet sechs Millionen registrierte Nutzer und mehr als eine Million verschiedener Titel.

Geschrieben werden die Romane auf dem Weg zur Arbeit oder Schule, in Mittagspausen oder in der Bahn. Wegbereiter für den Triumphzug des Handyromans auf dem japanischen Markt sind die digitalen Rahmenbedingungen: 96 Prozent aller japanischen Schüler haben ein Handy und sind ständig online. Genau diese Schüler sind nicht nur die Zielgruppe der Romane, sondern auch gleichzeitig die Autoren. Vor allem junge Frauen sehen nach Ansicht von Experten die Handyromane als eine Fluchtmöglichkeit an. Die Themen sind meistens starker Tobak. Es geht um Sex, Vergewaltigungen, Schwangerschaft, Abtreibungen und Drogen.

Auch das Buch von Bestseller-Autor Yoshi dreht sich darum. Auf die Idee brachte ihn ein in Japan verbreitetes Phänomen, genannt enjo kosai: Schülerinnen bieten Begleitdienste oder Sex älteren, meist vermögenden Männern an und erhalten im Gegenzug dafür wertvolle Geschenke. Laut der Asia Times hätten 13 Prozent der japanischen Schüler schon mal Kontakt mit dieser Form der Prostitution gehabt. 

Der bekannteste Autor von Handyromanen im deutschsprachigen Bereich ist der promovierte Wirtschaftsinformatiker Oliver Bendel aus Zürich. Passend zur Buchmesse in Leipzig hat er einen neuen Roman Handygirl-Part 1 veröffentlicht und stellt ihn dort vor. Bendel weiß, dass das Genre in Europa noch nicht zündet. "Handyromane sind im Moment kein großer Markt". Zwar sei das Interesse in Europa groß, aber es gebe "noch keine durchgehende Begeisterung".

In Schreibwerkstätten sollen Jungtalente für das Genre begeistert werden. "Wir bräuchten 50 begabte Leute, damit die Sache zum Fliegen kommt". Wissenschaftlich will Bendel die Handyromane mit einem Forschungsprojekt "Mobile Books" ab Mai an der Fachhochschule Nordwestschweiz begleiten.

Der Daumen-Roman – Seite 2

Stilistisch verzichten die Romane auf jeglichen Schnickschnack. Die meist anonymen Autoren drücken ihre Geschichten mit kurzen, umgangssprachlichen Formulierungen, Smileys oder Abkürzungen aus. 160 Zeichen pro SMS lassen schließlich keine ausschweifenden Beschreibungen zu. Die Geschichten sind schnell erzählt, meistens reichen dafür einige hundert SMS. Dazu leben die Texte von der interaktiven Mitarbeit. Leser geben Anregungen, diskutieren über die Personen und schlagen dem Autor neue Wendungen für seinen Plot vor.

In seiner Dezember-Ausgabe stellte das US-Magazin New Yorker die Frage, ob diese Handyromane eine Revolution für den Buchmarkt  sein könnten? Eher nicht, lautet das Ergebnis. Vor allem japanische Autoren reagieren allergisch auf dieses Genre. "Interessiert mich nicht" und "Zeitverschwendung" sind noch die nettesten Kommentare für diese neue Gattung.

Bildungsforscher betrachten diese Romane mit gemischten Gefühlen: Auf der einen Seite sind sie froh, dass junge Menschen lesen und selbst Geschichten verfassen. Auf der anderen Seite werden der Sprachstil und die Vernachlässigung klassischer literarischer Texte beklagt. Einige Experten rechnen sogar damit, dass die Gattung dem typischen Teenie-Hype erliegt: Schnell berühmt geworden, dann hochgejubelt und ebenso schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Noch sind die Verlage mit den Verkaufszahlen zufrieden.

Interessiert an diesen Romanen sind auch Soziologen. Sie erhoffen sich aufgrund der vielen autobiografischen Passagen Rückschlüsse auf die Lebenssituation von jungen Frauen in Japan. Auch der deutsche Autor Bendel vermutet hinter den Handyromanen eine neue Art der Kommunikation der japanischen Jugend: "Die Mädchen schreiben über ihre Sehnsüchte, ihre Ängste und über das, was sie kennen und fühlen".