Ich fahre Ersatzverkehr, und das ist ernst zu nehmen – viel ernster, als ich dachte. Es begann ganz harmlos, damit, dass in meiner U-Bahn-Station Schilder auftauchten, die ankündigten, die letzten beiden Haltestellen der U-Bahn-Strecke würden baustellenhalber durch Busse ersetzt. Dann, am Tag des ersten Ersatzverkehrs stoppte die U-Bahn an der letzten angefahrenen Station deutlich heftiger als sonst. Es folgte eine dramatische Pause von zehn Sekunden. Daraufhin forderte der U-Bahn-Führer über Lautsprecher alle Mitfahrer zum Aussteigen auf, und das mit so viel Alarm in der Stimme, als gelte es, ein sinkendes Schiff zu evakuieren. Menschen mit gelben Warnwesten und Ohrenklappenmützen standen auf dem Bahnsteig und zeigten mit besorgten Gesichtern zum Ausgang.

Oben, unweit des U-Bahn-Eingangs, stand der Ersatzbus. Als er uns sah, fuhr der Fahrer los. Der Fahrer des zweiten Busses stoppte so kurz, dass es nur die ersten zehn der etwa hundert Wartenden ins Businnere schafften. Beim nächsten Bus gelang es neben ein paar anderen wild Entschlossenen auch mir, einzusteigen. Dieser Bus war schon ziemlich voll, so voll, dass wir Neuankömmlinge uns mit den anderen Fahrgästen quasi zu einer kompakten Masse verdichteten. "Zusammenrücken!", rief der Busfahrer fortwährend, und im Spiegel sah ich, wie der Mund unter seiner Sonnenbrille hämisch zuckte, "zusammenrücken, sonst fahre ich nicht los! Na wird’s bald?"

Dass die Sitze dieses Busses extrem verschlissen waren, fiel mir erst im Nachhinein auf. Genauer: abends, als ich merkte, dass in diesem Bus die Sitze noch verschlissener waren. Etwas, das ich - ich bin nicht zimperlich - unter normalen Umständen nicht für erwähnenswert gehalten hätte, aber der Ersatzverkehr-Busfahrer trug ebenfalls Sonnenbrille und er fuhr so heftig an und bremste so heftig ab, als gebe es im ganzen Bus keine Kupplung.

"Die gibt es auch nicht", zischte er mir zu, als es mir gelungen war, mich mit nur zwei Stürzen bis zu ihm vorzuarbeiten. "Ist kaputt. Der ganze Bus ist schrottplatzreif. Und ich habe auch keinen Führerschein. Muss Sie aber nicht stören. Schließlich fahren Sie nur Ersatzverkehr."

"Ach ja, stimmt", sagte ich, "Moment: Hier ist doch schon die U-Bahn-Station, Vorsicht, Sie fahren vorbei, halten Sie an! ... Hallo?"

Mit einer Vollbremsung stoppte der Fahrer ein paar hundert Meter später.

"Es hat alles seine Richtigkeit", knurrte er. "Sehen Sie das Schild da draußen: Ersatzverkehrshaltestelle."

"Aber", protestierte ich, "warum hält der Ersatzverkehrsbus nicht an der ganz normalen Bushaltestelle direkt vor der U-Bahn? Warum müssen wir so weit zurücklaufen?"

Der Fahrer wandte sich mit einem höhnischen Lachen ab.

Auf dem Bahnsteig fragte ich einen der Menschen mit den gelben Warnwesten. Mit besorgter Miene sah er durch mich hindurch. Beim dritten Mal, ich machte dabei ein, zwei Schritte auf ihn zu, wich er zurück und rief etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand.

Zu Hause wählte ich erbost die Telefonnummer der Verkehrsbetriebe. Als ich sagte, weswegen ich anrief, legte man wortlos auf. Erst als ich wieder anrief und schrie, ich werde persönlich vorbeikommen, wurde ich wiederholt verbunden.