Es waren zehn bange Minuten für die Besatzung der Raumstation ISS. Gestern Abend ordnete die Bodenkontrolle in Houston im US-Bundesstaat Texas kurzfristig die sofortige Evakuierung an. Die drei Astronauten schlossen die Luken zur Raumstation und setzten sich dicht gedrängt in die russische Sojuskapsel, die bei Gefahr von der ISS abgekoppelt werden kann. Kurze Zeit später war der Spuk vorbei. Grund für die Aufregung: ein gerade mal 0,8 Zentimeter großes Schrottteil, dass sich allerdings mit rund 30.000 Stundenkilometer der Station im All näherte.

"Wir sind alle glücklich, dass der Schrott ohne Folgen vorbeigeflogen ist", sagte ein Mitarbeiter der Weltraumbehörde Nasa. Um 17.39 Uhr mitteleuropäischer Zeit passierte das Trümmerteil die Station. Mit einer Entfernung von vier Kilometern sei es der ISS allerdings extrem nahe gekommen, hieß es. An Bord der Station leben und arbeiten zurzeit die US-Astronauten Michael Fincke und Sandra Magnus sowie der russische Kosmonaut Juri Lonchakow. Der Umzug in die Sojuskapsel sei eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, sagte Nasa-Sprecherin Laura Rochon. Das Risiko eines Zusammenstoßes sei minimal gewesen.

Allerdings schien der Nasa das Risiko zu groß, den Schrott zu ignorieren. Die Bodenkontrolle hatte das nahende Teil erst eine Nacht zuvor entdeckt. Zu spät, um ein Ausweichmanöver der ISS einzuleiten. In den vergangenen zehn Jahren ihres Bestehens ist die Station bereits mehrere Male umherfliegendem Weltraummüll ausgewichen. Diesmal habe es sich vermutlich um einen alten Antrieb der ISS oder ein Überbleibsel eines ausgedienten Satelliten gehandelt.

Weltraumschrott kann nicht nur für die Raumstation gefährlich werden. Die schätzungsweise 800 kommerziellen und militärischen Satelliten im All geraten auch in das Trümmerfeld im Orbit. Niemand weiß genau, wie viele Teile um die Erde kreisen, zwischen 12.500 und 18.000 Trümmer werden von den Weltraumbehörden beobachtet. Manche schätzen die Zahl der Flugkörper um ein Vielfaches höher ein. Erst Anfang Februar kam es erstmals zu einer Kollision eines privaten US-Kommunikationssatelliten mit einem stillgelegten russischen Militärsputnik .

Die europäische Weltraumorganisation Esa schätzt, dass zurzeit von rund 200 Körpern im All eine besonders hohe Explosions- oder Kollisionsgefahr ausgeht. Jedes Jahr wächst der Schrottberg im All. Mehr als 200 Satelliten und Raketen im Orbit sind seit Beginn der Raumfahrtära bereits explodiert. Zumeist aufgrund von Fehlfunktionen der bordeigenen Energiequellen, beispielsweise der Batterien oder des Antriebs.