Im Fall Amstetten etwa läutete der Staat in Gestalt des niederösterreichischen Polizeisprechers Franz Polzer den ersten Akt im großen Medienjustiztheater ein. Als Josef F. vergangenes Jahr verhaftet wurde, verlas Polzer kein dürres Statement. Er verwechselte, die Kameras der Weltpresse im Hinterzimmer eines Amstettner Hotels auf sich gerichtet, Transparenz mit Voyeurismus. "Elisabeth F.", sagte Polzer nach F.s Verhaftung, "wandte sich vertrauensvoll an uns." Und dann plauderte er drauflos, was das Missbrauchsopfer im Vertrauen erzählt hatte. Er nannte den Namen der Familie – und hielt Fotos von Vater Josef in die Kameras.

So lockte Polzer die Reporter nach Amstetten, anstatt sie zu verscheuchen. Schon hing der britische Boulevard buchstäblich in den Bäumen des Klinikums Amstetten, um Fotos der Opfer zu erhaschen.

Den zweiten Akt inszenierte der Verteidiger von Josef F., Rudi Mayer. Der Wiener Anwalt beklagte zunächst die Medienhatz, dann aber steckte er News "exklusiv" das mit intimen Details gespickte Geständnis des eigenen Mandanten zu. Josef F., News , aber auch Mayer, dem als Anwalt Werbung verboten ist, profitierten von dem Deal: Das Blatt feierte ihn als "Topanwalt".

Womit Mayer hoffentlich nicht gerechnet hat, war die Dreistigkeit, mit der News F.s "Geständnis" ausschlachtete. Josef F. konnte seine Opfer aus der Zelle noch einmal öffentlich demütigen. F., so wurde bekannt, versuchte sogar die Aussageprotokolle seiner Opfer zu verkaufen. Das ging den österreichischen Medien dann doch zu weit. Doch selbst der im Fall F. vorbildlich agierende Kurier ließ sich am Montag dazu hinreißen, aus dem "Tagebuch" von Elisabeth F. zu zitieren.

Dritter Akt, Auftritt Staatsanwaltschaft. Im Fall F. fettete sie die Anklage mit vielen grausamen Details auf – obwohl das rechtlich nicht notwendig wäre, wie Opferanwälte versichern. Irgendwer, vermutlich Josef F. selbst, steckte die Anklage den Medien zu. Dort versagten die Schmutzfilter abermals: Anstatt die Akte pietätvoll selektiv zu zitieren, stellen Wolfgang Fellners Österreich und News das Dokument "zum Durchklicken" auf ihre Websites – obwohl Opfervertreter baten, genau das nicht zu tun.

So rührt der Fall Amstetten an einer grundsätzlichen demokratie- und medienpolitischen Frage. Wie ist es noch zu rechtfertigen, dass Strafprozesse über Sexualstraftäter im Zeitalter des Datenschutzes im Detail öffentlich erörtert werden dürfen?

Wieso müssen Opfer ihre Bloßstellung durch Medien hinnehmen? Wieso werden diese nicht einfach wie in Sheffield zum Schweigen verpflichtet?

Es gibt zwei historische Antworten auf diese Fragen. Eine findet sich in der Verfassung Österreichs. Die Tür zum Gerichtssaal soll jedem Bürger offenstehen, damit der Monarch, also der Staat, nicht der Kabinettsjustiz verfällt. Gerechtigkeit soll nicht nur geschehen, man soll auch sehen, wie sie entsteht. Das ist ein Baustein des fairen Verfahrens. Ein Recht des Beschuldigten.