Es gibt aber auch einen vormodernen Grund für die Öffentlichkeit. Er liegt, wie es der deutsche Strafrechtsexperte Rainer Hamm einmal formulierte, im "tief in der Volksseele verankerten Bedürfnis", den Täter "auf einem erhöhten Marktplatz" in Stücke gerissen zu sehen. Und es gibt auch die Gier, das Leid der anderen zu betrachten. Der Wiener Gesellschaftskritiker Karl Kraus beschrieb in Sittlichkeit und Kriminalität , wie die Wiener Gerichtspresse eben nicht nur unter das Amtskleid reaktionärer Richter blickte, sondern auch in die Unterwäsche jener, die vor Gericht ihr Intimleben ausbreiten mussten.

Hundert Jahre sind seither vergangen. Die Strafjustiz entwickelte sich weiter: Richter wurden moderner, Opfer werden geschützt, Beschuldigte haben den vollen Zugriff auf ihre Akten, sie dürfen diese an Medien weitergeben. Diese Dokumente könnten ja auch Missstände in der Justizverwaltung illustrieren.

Hier beginnt die Gratwanderung zwischen Transparenz und Theater. Die Beschuldigten und ihre Anwälte wenden sich mit Gerichtsakten eben nicht nur an die Öffentlichkeit, um Fehler der Behörden bei ihren Verfahren aufzuzeigen, sondern auch um in eigener Sache Stimmung zu machen; oder um ihre Opfer noch einmal bloßstellen.

Polizisten und Staatsanwälte reagieren neuerdings darauf und stellen sich der Kritik, anstatt zu schweigen. Doch auch sie haben dabei nicht nur hehre Ziele im Sinn, sondern die Eigenvermarktung.

Immerhin: Anders als der Anwalt von Josef F. verweigern sich die Anwälte seiner Familie dem Showgegengeschäft. Die auf Opferrechte spezialisierte Anwältin der F.s, Eva Plaz, gewährt Journalisten ausnahmslos kein Interview. Sie weiß, dass Medien in diesem Fall nicht kontrollieren, sondern Macht über die Geschichten der Opfer und somit ihr Leben erlangen wollen.

Florian Klenk ist stellvertretender Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter