Wie es um die Literaturkritik steht, das inspiriert ihre größeren und kleineren Lichter immer wieder zu apokalyptischen Gesängen. Das liegt nicht nur an der Empfindsamkeit und vielleicht sogar Überempfindlichkeit von Leuten, denen man höchstens nachsagen kann, dass sie sich in ihrer endzeitlichen Betrübnis bisweilen robuster und medienwirksamer verhalten, als es den Anschein hat. Ihre von Generation zu Generation wiederkehrende Sorge lässt sich auch nicht einfach dadurch erklären, dass sie ihre Nase von Berufs wegen zu lang in Bücher stecken, um in dem Augenblick, in dem sie den Kopf heben, verwundert festzustellen, dass die Erde sich weitergedreht hat. Man schaut, wenn man es vernünftig anstellt, ja so lange in Bücher hinein, um aufmerksamer und klüger aus ihnen herauszuschauen.

Verglichen mit den Problemen der atomaren Endlagerung, der Befriedung Afghanistans oder auch nur der Zukunft des australischen Riesenwarans mag die Literaturkritik etwas Sekundäres sein. Man steigt, wie Karl Kraus einmal gegen Alfred Kerr polemisiert hat, ohnehin schnell "von einer Apokalypse zu einem Hausmeistertratsch" hinunter. In ihrem Nischendasein ist die Literaturkritik aber ein Indikator dafür, wie eine Gesellschaft über sich selbst nachdenkt. Nirgendwo sonst beschäftigt sich das Wort, das allen multimedialen Fluten zum Trotz unserer Kultur zugrunde liegt, so intim mit dem Wort und die Schrift mit der Schrift.

Krise und Kritik, verrät die Etymologie, sind miteinander verschwistert. Die Fähigkeit des "krinein", des Unterscheidens, Erkennens, Urteilens und Meinens gilt seit den Stoikern als Voraussetzung der "krisis", jenes vom irrationalen Fühlen gereinigten affektiven Zustands, der moralischen Fortschritt erst ermöglicht. Das heißt auch über 2000 Jahre danach: Erst kauen, dann schlucken! Oder: Wer sein Gehirnschmalz nicht einsetzt, hält bitte den Mund!

Dass die Mühlen der Zeitungsroutine dieses Reflexionsvermögen ohne Ansehen von Talent und Temperament behindern, ist keine originelle Erkenntnis. Ein paar Brocken aus einer Rede "Zur Situation der literarischen Kritik", die im Frühjahr 1965 vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gehalten wurde: Da geht es um die "Hektik der Buchproduktion", um die Überfülle des Gedruckten, Terminnot, Raumnot, den Willen zur Marktbeherrschung und die "Rivalität von Feuilletonredaktionen". Und als Konsequenz: "Die Tugenden der Zeitungskritik, schnelles Reaktionsvermögen, Mut zum selbständigen Urteil und das Talent zur eingängigen Formulierung, drohen sich in ihr Gegenteil zu verkehren: in Flüchtigkeit, vorschnelles Urteilen und die Flucht in den Gemeinplatz."

Die Diagnose stammt von Günter Blöcker. In den 50er und 60er Jahren gehörte er – 1913 in Hamburg geboren und vor drei Jahren in Berlin gestorben – zu den großen unabhängigen Kritikern. Ein zutiefst konservativer Geist, der für die Süddeutsche, die Frankfurter Allgemeine und den Tagesspiegel schrieb und sich an einer weltliterarischen Moderne abarbeitete, die ihm wie der französische Nouveau Roman oft fremd war, die er aber auch in der Ablehnung mit einer stilistischen Lebendigkeit durchdrang, die einem noch heute Bewunderung abnötigt.

Wer Blöckers vollständige Rede liest, wird kaum merken, dass sie ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat: eine tröstliche und erschreckende Stabilität literaturkritischer Verhältnisse. Die Kritik ist, wie Martin Walser Ende der Sechziger schrieb, nach wie vor "ein bisschen Amtsarzt, ein bisschen Moses, ein bisschen Verkehrspolizist, ein bisschen Weltgeist, ein bisschen Tante Lessing, ein bisschen Onkel Linné".

Sie ist es aber nur, wenn man den Blick nicht über das poetologische Selbstverständnis von Kritik hinaus richtet. Schon Hans Magnus Enzensberger machte 1986 im Essay Rezensenten-Dämmerung einen Strukturwandel aus, bei dem der Kritiker vom professoral wiederkäuenden "Pädagogen" und vom "Zirkulationsagenten" verdrängt wird: von jenem literaturbetrieblichen Schmierstofflieferanten, der sich zu keinem analytischen Blick ins Innere der Werke verführen lässt. Enzensberger wusste, was auf die Dämmerung folgen musste. Nur konnte er zu seiner noch in Gutenberg’schen Bahnen verlaufenden Zeit nicht ahnen, in welcher Gestalt die Nacht hereinbrechen würde. Der Ire Rónán McDonald hat es vor zwei Jahren in einem so differenziert wie unmissverständlich argumentierenden Essay erläutert. Er trägt den Titel The Death of the Critic (Continuum Books, London/New York 2007) – der Tod des Kritikers.

Erschrecken Sie bitte nicht: Es ist alles noch viel schlimmer, wir haben es nur noch nicht gemerkt. Woche für Woche finden sich in unseren Zeitungen die lebendigsten, gründlichsten, pointiertesten Auseinandersetzungen mit Büchern. Die Kritik steht also scheinbar blendend da, ihre Vertreter sitzen wie eh und je teils hoch zu Ross – doch ringsherum zittert und wankt die journalistische Erde. In einem Land, das Dutzende von hervorragenden Literaturkritikern besitzt, bewegen wir uns in einer Nacht der reitenden Leichen, während am Horizont seltsame Morgenröten aufziehen.

Erschrecken Sie vor allem nicht, weil ich entschlossen bin, Sie zu retten – mit etwas Glück zumindest so wie der Flugkapitän, der neulich seinen Airbus mit 155 Passagieren unbeschadet im Hudson River notlandete. Glücklich und dankbar über die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis, will ich nicht verhehlen, dass ich selbst ein gewisses Interesse habe, noch ein Weilchen davonzukommen – und sei es als lebender Leichnam. Aber so ist es nun mal bei Notlandungen: Zuerst geht es steil nach unten.

Im Licht der Morgenröten marschieren seit Jahren Heere von Amateurexperten, die sich auf den Websites ihrer Lieblingsbuchversender über ihre Lektüreerlebnisse auslassen. Sie kommentieren in Blogs, was sie aufgewühlt und was sie kaltgelassen hat. Das alles hat seinen Sinn für das unverzichtbare Fortbestehen eines Gesprächs über Bücher, wenngleich es in der Substanz oft Unsinn ist. Mit der Demokratisierung allen Wissens schreitet zugleich die Demokratisierung des literaturkritischen Gewerbes voran. Es geschieht dies in der ganzen Ambivalenz einer Entwicklung, die es der lesenden Basis einerseits ermöglicht, den literaturkritischen Mandarinen die Meinung zu sagen, und die andererseits eine Vergleichgültigung aller Inhalte herstellt, in der sich die mögliche Autorität schriftlicher Äußerungen selbst verschlingt.

Aber ich will hier nicht mit Andrew Keen über die Stunde der Stümper (Carl Hanser, München 2008) schimpfen, die vom Internet zwar begünstigt, doch nicht erst begründet wird. Auch wo es noch nach Druckerschwärze riecht, gibt es trübe Tassen. Überhaupt will ich keinem billigen Kulturpessimismus das Wort reden. Youtube ist für den Literaturkritiker mittlerweile ein unerschöpfliches Marbacher Archiv für internationale Angelegenheiten, in dem Joseph Brodsky und Octavio Paz quicklebendig weiterexistieren. Und wer ausländische Zeitschriften liest, hatte dazu nie bessere Voraussetzungen als im Netz.

Dennoch: Wir befinden uns an einem journalistischen Wendepunkt, der auch die Literaturkritik in ihrem Innersten verändert. Das betrifft weniger die Tugenden von Neugier, Kenntnisreichtum, gedanklicher Verdichtung und Sprachfantasie, die Texte in gleich welchem digitalen oder analogen Zustand pflegen können. Es betrifft ihre Funktion, Öffentlichkeit herzustellen, ein Umschlagplatz für Ideen zu sein,einen Teil der Agora zu besetzen, auf der nebenan über das Schicksal des Gazastreifens verhandelt wird, ein paar Schritte weiter über den Bankrott des Radsports oder über die Umweltschädlichkeit von Heizpilzen.

Im Jahr 1959, vor genau 50 Jahren, erschienen im Spiegel drei literarische Titelgeschichten: eine über Gregor von Rezzori, eine über Friedrich Dürrenmatt und eine über Arno Schmidt. Wenn Günter Grass nicht auch noch bei der Stasi war, wird es im Jahr 2009 wieder keine einzige geben. Ist das ein Schaden? In diesen Tagen feiert zum Beispiel Deutschlands größte literaturkritische Internet-Zeitschrift, die von Thomas Anz ins Leben gerufene literaturkritik.de , ihren zehnten Geburtstag. Der Unterschied liegt nicht in der Wahl zwischen Spiegel -Sound und einer Neigung zum stilistischen Graubrot, das der wunderbaren Institution literaturkritik.de durch ihre universitäre Herkunft leider nicht ganz fremd ist. Er liegt in der Tatsache, dass der gedruckte und am Kiosk erhältliche Spiegel Teil einer Öffentlichkeit im materiellen Raum ist. Woche für Woche schlägt sich die Redaktion die Köpfe ein, welche Themen für sie ein Bild der Welt ergeben und welche Plätze zu vergeben sind. Literaturkritik.de ist von jedem Computer aus kostenlos zugänglich und hat sich als Marke etabliert. Und doch finden ihre Leser nur in einer Gemeinschaft zusammen, die von einem hochspezifischen Interesse bestimmt wird.

Lasst diese Verrückten, die Literatur als gesellschaftliches Überlebensmittel betrachten, bloß in ihren Ghettos, höre ich Chefredakteure und Geschäftsführer hinter verschlossenen Türen sagen. Oder lasst sie – die Türen öffnen sich mit einem gewaltigen Schlag – wenigstens dort, wo sie nichts kosten! Mag sein, dass wir von Glück reden können, im deutschen Zeitungsgeschäft einstweilen nur mit einer handfesten Wirtschafts- und Anzeigenkrise statt wie in Amerika obendrein mit einer Leserkrise konfrontiert zu sein. Als Journalist stand der Literaturkritiker in seinem sozialen Ansehen bisher ungefähr auf der Stufe des Lehrers. Inzwischen dürfte er weit darunter liegen.Vor den Toren Neu-Delhis entwirft neuerdings eine Hundertschaft fleißiger Inder im Auftrag von Mindworks Global Media die Layouts für 22 angloamerikanische Blätter. Und James MacPherson, Eigentümer von Pasadenanow.com , beschäftigt Redakteure, die mit Hilfe von transpazifischen WebCam-Überspielungen in Mumbai und Bangalore über die Vorgänge im City Council von Pasadena schreiben. Wenn es um die Deutschkenntnisse jenseits der Oder-Neiße-Linie besser bestellt wäre, würden wir unsere Rezensionen längst für einstellige Cent-Beträge aus Czernowitz oder Königsberg beziehen.

Unter den Kritikern hat es immer lautere und leisere gegeben. Aber dass inzwischen so viele Schreihälse und Phrasendrescher unterwegs sind, hat sicher auch damit zu tun, dass sie sich so gegen das allgemeine Netzgemurmel durchzusetzen versuchen. Diskurshoheit ist auch eine Volumenfrage. Wir hätten wahrscheinlich nie eine Auseinandersetzung zwischen literaturkritischen Emphatikern und Gnostikern bekommen, wie sie Hubert Winkels vor drei Jahren anregte, wenn die rhetorische Kraftmeierei, mit der Kritiker der größten Blätter bisweilen zu Werke gehen, nicht auch Ausdruck einer Verzweiflung wäre, die über die argumentative Armseligkeit mancher Positionen hinwegtäuschen soll.

Der Schreihals ist ein Zerrbild des öffentlichen Intellektuellen, auf dessen Rückkehr es nach dem von Rónán McDonald beschworenen Tod des Kritikers ankäme. Eine Diagnose, die sich übrigens auch auf einen akademisch geprägten, unter den Gender- und Race-Brillen der Cultural Studies zusammengebrochenen literary criticism ausdehnen lässt, dessen Wortführer einmal ein großes Publikum erreichten. Auf deutsche Verhältnisse bezogen, bräuchten wir wieder einen Romanisten wie Ernst Robert Curtius oder noch viele Germanisten wie Peter von Matt.

Solange der literaturkritische Betrieb für die Bücher der Saison noch ein paar werbewirksame Zitate abwirft, sind das vielleicht Sorgen, die Verlage nur am Rand betreffen. Aber wenn die Zeitungskrise anhält, entsteht vor allem für die marketingschwachen kleinen und mittleren Verlage das Problem, wo denn für ihre Bücher noch Öffentlichkeit entstehen soll. Die gedruckte Zeitung ist dafür sicher nicht der einzige, doch gerade für Literatur ein privilegierter Ort. Was geschieht, wenn die Literaturkritik still und heimlich aus dem öffentlichen Diskurs verschwindet, während die anderen Wissen produzierenden und reproduzierenden Systeme, die Schulen und Universitäten, munter vor sich hinrumpeln?

Es gibt in diesen Dingen wohl keine unverbrüchlichen Allianzen. So wie die Zeitungen derzeit einen Schlingerkurs zwischen "Print first" und "Online first" fahren oder ihn, wie das Wochenblatt Freitag , gleich zum Programm erheben, umarmen einander überall die eigentümlichsten Strategien. Die hochintellektuelle New York Review of Books etwa bittet seit kurzem zum Besuch bei Facebook, jenem sozialen Netzwerk, mit dem wir virtuelle Freunde sammeln. Und sie lädt ein zu Twitter, jenem auf 140 Mitteilungszeichen begrenzten Mikroblogging-Netzwerk, mit dem wir einander in Echtzeit darüber auf dem Laufenden halten, dass wir uns gerade langweilen oder eine Apfelsine essen.

Auch 140 Zeichen sind in bestimmten Situationen eine Chance. Sie reichen womöglich sogar für ein Stück Literatur. Aber würden sie für eine Literaturkritik ausreichen? Und welche Art von Öffentlichkeit entsteht da?

Ich fürchte, der Kritiker kann sich nicht darum kümmern, ob er tot ist oder lebendig. Philosophisch betrachtet, kann er wie jedermann vielleicht nicht einmal wissen, ob er letztlich ein Zombie ist oder ein Mensch mit Bewusstsein, ob er nur Gehirn ist oder auch Geist. Es spielt für seine Arbeit, seine Empfindungen, sein Einfühlungsvermögen in andere und wie er selbst sich auf den Grund zu gehen versucht, keine Rolle. Was er erkennt, erkennt er im Rahmen seiner Möglichkeiten. Sie gestatten ihm auch zu untersuchen, wie sehr ihn die medialen Umstände aus seiner angestammten Rolle vertrieben haben. Es ist Gegenstand seiner Selbstdefinition.Wenn er aber entscheiden muss, ob er sich einem sich selbst organisierenden System in die Arme wirft oder ob er an seine Individualität glaubt, kann er es in einer Art Pascal’scher Wette immer auf einen Versuch ankommen lassen und beschließen: Ja, ich will widerstehen. Sind das nicht herrliche, ermutigende, frühlingshafte Aussichten, die unser erkaltendes Blut wieder erwärmen?