Sie ist es aber nur, wenn man den Blick nicht über das poetologische Selbstverständnis von Kritik hinaus richtet. Schon Hans Magnus Enzensberger machte 1986 im Essay Rezensenten-Dämmerung einen Strukturwandel aus, bei dem der Kritiker vom professoral wiederkäuenden "Pädagogen" und vom "Zirkulationsagenten" verdrängt wird: von jenem literaturbetrieblichen Schmierstofflieferanten, der sich zu keinem analytischen Blick ins Innere der Werke verführen lässt. Enzensberger wusste, was auf die Dämmerung folgen musste. Nur konnte er zu seiner noch in Gutenberg’schen Bahnen verlaufenden Zeit nicht ahnen, in welcher Gestalt die Nacht hereinbrechen würde. Der Ire Rónán McDonald hat es vor zwei Jahren in einem so differenziert wie unmissverständlich argumentierenden Essay erläutert. Er trägt den Titel The Death of the Critic (Continuum Books, London/New York 2007) – der Tod des Kritikers.

Erschrecken Sie bitte nicht: Es ist alles noch viel schlimmer, wir haben es nur noch nicht gemerkt. Woche für Woche finden sich in unseren Zeitungen die lebendigsten, gründlichsten, pointiertesten Auseinandersetzungen mit Büchern. Die Kritik steht also scheinbar blendend da, ihre Vertreter sitzen wie eh und je teils hoch zu Ross – doch ringsherum zittert und wankt die journalistische Erde. In einem Land, das Dutzende von hervorragenden Literaturkritikern besitzt, bewegen wir uns in einer Nacht der reitenden Leichen, während am Horizont seltsame Morgenröten aufziehen.

Erschrecken Sie vor allem nicht, weil ich entschlossen bin, Sie zu retten – mit etwas Glück zumindest so wie der Flugkapitän, der neulich seinen Airbus mit 155 Passagieren unbeschadet im Hudson River notlandete. Glücklich und dankbar über die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis, will ich nicht verhehlen, dass ich selbst ein gewisses Interesse habe, noch ein Weilchen davonzukommen – und sei es als lebender Leichnam. Aber so ist es nun mal bei Notlandungen: Zuerst geht es steil nach unten.

Im Licht der Morgenröten marschieren seit Jahren Heere von Amateurexperten, die sich auf den Websites ihrer Lieblingsbuchversender über ihre Lektüreerlebnisse auslassen. Sie kommentieren in Blogs, was sie aufgewühlt und was sie kaltgelassen hat. Das alles hat seinen Sinn für das unverzichtbare Fortbestehen eines Gesprächs über Bücher, wenngleich es in der Substanz oft Unsinn ist. Mit der Demokratisierung allen Wissens schreitet zugleich die Demokratisierung des literaturkritischen Gewerbes voran. Es geschieht dies in der ganzen Ambivalenz einer Entwicklung, die es der lesenden Basis einerseits ermöglicht, den literaturkritischen Mandarinen die Meinung zu sagen, und die andererseits eine Vergleichgültigung aller Inhalte herstellt, in der sich die mögliche Autorität schriftlicher Äußerungen selbst verschlingt.

Aber ich will hier nicht mit Andrew Keen über die Stunde der Stümper (Carl Hanser, München 2008) schimpfen, die vom Internet zwar begünstigt, doch nicht erst begründet wird. Auch wo es noch nach Druckerschwärze riecht, gibt es trübe Tassen. Überhaupt will ich keinem billigen Kulturpessimismus das Wort reden. Youtube ist für den Literaturkritiker mittlerweile ein unerschöpfliches Marbacher Archiv für internationale Angelegenheiten, in dem Joseph Brodsky und Octavio Paz quicklebendig weiterexistieren. Und wer ausländische Zeitschriften liest, hatte dazu nie bessere Voraussetzungen als im Netz.

Dennoch: Wir befinden uns an einem journalistischen Wendepunkt, der auch die Literaturkritik in ihrem Innersten verändert. Das betrifft weniger die Tugenden von Neugier, Kenntnisreichtum, gedanklicher Verdichtung und Sprachfantasie, die Texte in gleich welchem digitalen oder analogen Zustand pflegen können. Es betrifft ihre Funktion, Öffentlichkeit herzustellen, ein Umschlagplatz für Ideen zu sein,einen Teil der Agora zu besetzen, auf der nebenan über das Schicksal des Gazastreifens verhandelt wird, ein paar Schritte weiter über den Bankrott des Radsports oder über die Umweltschädlichkeit von Heizpilzen.

Im Jahr 1959, vor genau 50 Jahren, erschienen im Spiegel drei literarische Titelgeschichten: eine über Gregor von Rezzori, eine über Friedrich Dürrenmatt und eine über Arno Schmidt. Wenn Günter Grass nicht auch noch bei der Stasi war, wird es im Jahr 2009 wieder keine einzige geben. Ist das ein Schaden? In diesen Tagen feiert zum Beispiel Deutschlands größte literaturkritische Internet-Zeitschrift, die von Thomas Anz ins Leben gerufene literaturkritik.de , ihren zehnten Geburtstag. Der Unterschied liegt nicht in der Wahl zwischen Spiegel -Sound und einer Neigung zum stilistischen Graubrot, das der wunderbaren Institution literaturkritik.de durch ihre universitäre Herkunft leider nicht ganz fremd ist. Er liegt in der Tatsache, dass der gedruckte und am Kiosk erhältliche Spiegel Teil einer Öffentlichkeit im materiellen Raum ist. Woche für Woche schlägt sich die Redaktion die Köpfe ein, welche Themen für sie ein Bild der Welt ergeben und welche Plätze zu vergeben sind. Literaturkritik.de ist von jedem Computer aus kostenlos zugänglich und hat sich als Marke etabliert. Und doch finden ihre Leser nur in einer Gemeinschaft zusammen, die von einem hochspezifischen Interesse bestimmt wird.