Lasst diese Verrückten, die Literatur als gesellschaftliches Überlebensmittel betrachten, bloß in ihren Ghettos, höre ich Chefredakteure und Geschäftsführer hinter verschlossenen Türen sagen. Oder lasst sie – die Türen öffnen sich mit einem gewaltigen Schlag – wenigstens dort, wo sie nichts kosten! Mag sein, dass wir von Glück reden können, im deutschen Zeitungsgeschäft einstweilen nur mit einer handfesten Wirtschafts- und Anzeigenkrise statt wie in Amerika obendrein mit einer Leserkrise konfrontiert zu sein. Als Journalist stand der Literaturkritiker in seinem sozialen Ansehen bisher ungefähr auf der Stufe des Lehrers. Inzwischen dürfte er weit darunter liegen.Vor den Toren Neu-Delhis entwirft neuerdings eine Hundertschaft fleißiger Inder im Auftrag von Mindworks Global Media die Layouts für 22 angloamerikanische Blätter. Und James MacPherson, Eigentümer von Pasadenanow.com , beschäftigt Redakteure, die mit Hilfe von transpazifischen WebCam-Überspielungen in Mumbai und Bangalore über die Vorgänge im City Council von Pasadena schreiben. Wenn es um die Deutschkenntnisse jenseits der Oder-Neiße-Linie besser bestellt wäre, würden wir unsere Rezensionen längst für einstellige Cent-Beträge aus Czernowitz oder Königsberg beziehen.

Unter den Kritikern hat es immer lautere und leisere gegeben. Aber dass inzwischen so viele Schreihälse und Phrasendrescher unterwegs sind, hat sicher auch damit zu tun, dass sie sich so gegen das allgemeine Netzgemurmel durchzusetzen versuchen. Diskurshoheit ist auch eine Volumenfrage. Wir hätten wahrscheinlich nie eine Auseinandersetzung zwischen literaturkritischen Emphatikern und Gnostikern bekommen, wie sie Hubert Winkels vor drei Jahren anregte, wenn die rhetorische Kraftmeierei, mit der Kritiker der größten Blätter bisweilen zu Werke gehen, nicht auch Ausdruck einer Verzweiflung wäre, die über die argumentative Armseligkeit mancher Positionen hinwegtäuschen soll.

Der Schreihals ist ein Zerrbild des öffentlichen Intellektuellen, auf dessen Rückkehr es nach dem von Rónán McDonald beschworenen Tod des Kritikers ankäme. Eine Diagnose, die sich übrigens auch auf einen akademisch geprägten, unter den Gender- und Race-Brillen der Cultural Studies zusammengebrochenen literary criticism ausdehnen lässt, dessen Wortführer einmal ein großes Publikum erreichten. Auf deutsche Verhältnisse bezogen, bräuchten wir wieder einen Romanisten wie Ernst Robert Curtius oder noch viele Germanisten wie Peter von Matt.

Solange der literaturkritische Betrieb für die Bücher der Saison noch ein paar werbewirksame Zitate abwirft, sind das vielleicht Sorgen, die Verlage nur am Rand betreffen. Aber wenn die Zeitungskrise anhält, entsteht vor allem für die marketingschwachen kleinen und mittleren Verlage das Problem, wo denn für ihre Bücher noch Öffentlichkeit entstehen soll. Die gedruckte Zeitung ist dafür sicher nicht der einzige, doch gerade für Literatur ein privilegierter Ort. Was geschieht, wenn die Literaturkritik still und heimlich aus dem öffentlichen Diskurs verschwindet, während die anderen Wissen produzierenden und reproduzierenden Systeme, die Schulen und Universitäten, munter vor sich hinrumpeln?

Es gibt in diesen Dingen wohl keine unverbrüchlichen Allianzen. So wie die Zeitungen derzeit einen Schlingerkurs zwischen "Print first" und "Online first" fahren oder ihn, wie das Wochenblatt Freitag , gleich zum Programm erheben, umarmen einander überall die eigentümlichsten Strategien. Die hochintellektuelle New York Review of Books etwa bittet seit kurzem zum Besuch bei Facebook, jenem sozialen Netzwerk, mit dem wir virtuelle Freunde sammeln. Und sie lädt ein zu Twitter, jenem auf 140 Mitteilungszeichen begrenzten Mikroblogging-Netzwerk, mit dem wir einander in Echtzeit darüber auf dem Laufenden halten, dass wir uns gerade langweilen oder eine Apfelsine essen.

Auch 140 Zeichen sind in bestimmten Situationen eine Chance. Sie reichen womöglich sogar für ein Stück Literatur. Aber würden sie für eine Literaturkritik ausreichen? Und welche Art von Öffentlichkeit entsteht da?

Ich fürchte, der Kritiker kann sich nicht darum kümmern, ob er tot ist oder lebendig. Philosophisch betrachtet, kann er wie jedermann vielleicht nicht einmal wissen, ob er letztlich ein Zombie ist oder ein Mensch mit Bewusstsein, ob er nur Gehirn ist oder auch Geist. Es spielt für seine Arbeit, seine Empfindungen, sein Einfühlungsvermögen in andere und wie er selbst sich auf den Grund zu gehen versucht, keine Rolle. Was er erkennt, erkennt er im Rahmen seiner Möglichkeiten. Sie gestatten ihm auch zu untersuchen, wie sehr ihn die medialen Umstände aus seiner angestammten Rolle vertrieben haben. Es ist Gegenstand seiner Selbstdefinition.Wenn er aber entscheiden muss, ob er sich einem sich selbst organisierenden System in die Arme wirft oder ob er an seine Individualität glaubt, kann er es in einer Art Pascal’scher Wette immer auf einen Versuch ankommen lassen und beschließen: Ja, ich will widerstehen. Sind das nicht herrliche, ermutigende, frühlingshafte Aussichten, die unser erkaltendes Blut wieder erwärmen?