Ja, die Liebe ist schon ein Rätsel. Unerwartet kommt sie. Unangekündigt geht sie vielleicht auch wieder. Und was sie überhaupt ist, die Liebe, das beschäftigt nicht nur Literatur, Kunst und Film, sondern auch die Wissenschaften. In der zeitgenössischen Philosophie erlebt sie eine Konjunktur: Die Philosophie der Liebe und der Gefühle. Hier wird erforscht, wie Liebe deskriptiv und normativ zu verstehen ist – wie sie sich äußert und wie sie sich äußern sollte: altruistisch als selbstlose Hingabe, romantisch als Verschmelzung zweier Wesen zu einem oder dialogisch zwischen gleichberechtigten Liebenden? Oft verbleiben solche Fragen in der eigenen Disziplin, gelangen nicht an die breite Öffentlichkeit.

Nun meldet sich "Deutschlands Starphilosoph" – wie ihn ein Fernsehmagazin titelte – zu Wort und schreibt 400 Seiten darüber. Richard David Precht, 44, Journalist, Bestsellerautor, Patchworkfamilienmann, hat gerade sein neuestes Buch herausgebracht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. Bekannt wurde Precht mit seinem populärwissenschaftlich-philosophischen Buch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele, womit er seit mehr als 57 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste weilt.

Das neue Werk unterlag einer strikten Geheimhaltung, als würde ein Papst SS-Memoiren veröffentlichen. Aber was gibt es Bahnbrechendes zur Liebe zu sagen, was nicht schon andere geschrieben und zudem jeder irgendwie selbst schon erfahren hätte? Ist ja schließlich nichts Neues. Um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen: Der Jahrtausende alte Mythos des "Kugelmenschen" aus Platons Symposion, der in der Liebe nach seiner passenden Hälfte sucht, dient bis heute als Grundlage für Theorien und Gegentheorien zur Idee der Liebe als Verschmelzung. Und auch er findet seinen Platz in Prechts Buch.

Bahnbrechendes gibt es nicht, aber es ist eine umfangreiche Zusammenstellung und zumindest sorgfältiger gestaltet als das erste Werk. Dieses bezeichnete Elke Heidenreich damals als "unverzichtbar"; schließlich bereitete es die großen Fragen der Philosophie leicht verdaulich und in Verbindung mit Hirnforschung, Zoologie und Soziologie für ein breites Publikum auf. Doch war darin manches sehr willkürlich, oberflächlich und mit seltsamen biografischen Anekdoten angereichert, wie etwa jener, dass Kant ("der zarte Junge mit den wasserblauen Augen") ein "gern gesehener Gast auf Königsbergs Partys" war.   Precht schlug damals von dort den Bogen zum "moralischen Gesetz in mir". Das Buch verkaufte sich 750 000 Mal, war der Jahresbestseller 2008. "Survival of the Witzigest", so ließe sich ein Precht-Zitat passend zu diesem Erfolg ummünzen.

Kalauer erwarten einen auch dieses Mal: "Männer wollen auf die Venus und Frauen ein Mars", steht in der Einleitung. Danach werden die Überschriften etwas sachlicher. Wieder greift er oft auf Neurowissenschaften, Biochemie, Soziologie und Psychologie zurück. Wichtige Philosophen allerdings kommen zu kurz oder gar nicht erst vor. Und was sagt er selbst zur, wie er es nennt, "Zentralheizung unseres Universums"? "Liebe ist nicht alles im Leben; aber ohne Liebe ist alles nichts. Kaum etwas ist uns wichtiger als die Liebe". Geschenkt. "Wir verlangen nicht nach Befriedigung, sondern wir befriedigen uns durch Verlangen." Ok. "Wir leben keine Normalbiografien mehr wie unsere Großeltern. Wir haben Wahlbiografien oder genauer  ‘Bastelbiografien’." Vor allem forderten die Menschen heute von einer Liebesbeziehung, dass sie Leidenschaft und Verständnis, Aufregung und Geborgenheit" biete – und zwar auf Dauer. "Eine Quadratur des Kreises", sagt Precht.

Über solche Zeitdiagnosen – seien sie auch noch so populistisch formuliert – lässt sich nachdenken. Sollen sie als Gesellschaftskritik zu verstehen sein? Das nun leider auch wieder nicht, Precht will nicht normativ urteilen. "Entfremdung", zum Beispiel, sei Schnee von gestern, sagt er und ignoriert aktuelle Arbeiten der Kritischen Theorie ("Solch eine Idee vertritt allenfalls ein sehr konservativer Ideologiekritiker in der Tradition von Erich Fromm oder Theodor W. Adorno").