Um kurz nach halb neun am Mittwochabend atmet Heinz Franken erleichtert auf. Die Volksseele von Randerath ist ruhig geblieben. Franken, Ortsvorsteher des 1400-Einwohner-Dörfchens, steigt gemeinsam mit Landrat Stephan Pusch (CDU) des Kreises Heinsberg von der Bühne. Ein schwieriger Auftritt in der Turnhalle liegt hinter den beiden Kommunalpolitikern.

Nachdem Pusch in der vergangenen Woche öffentlich vor dem Sexualstraftäter Karl D. gewarnt hatte, war die Situation in Randerath eskaliert. Der 57 Jahre alte Karl D. hatte drei Mädchen auf brutalste Weise vergewaltigt. Nach insgesamt 20 Jahre hinter Gittern wurde er entlassen und wohnt nun bei seinem Bruder in Randerath. Aufgebrachte Bürger protestierten seit der Warnung des Landrats nahezu ununterbrochen vor dem Haus von Karl D.'s Bruder, bis aus Holland kamen die Protestler in den kleinen Ort im äußersten Westen Nordrhein-Westfalens.

Nun ist Randerath zur Besinnung gekommen. Der Ton während der eineinhalbstündigen Versammlung bleibt sachlich, lautstark macht nur ein TV-Boulevard-Journalist seinem Unmut Luft, weil er nicht ganz vorne stehen darf, um dichter dran zu sein an den neuesten Entwicklungen. Doch die Veranstaltung in der Turnhalle sollte eben keine Medien-Schau werden, wie sie in den vergangenen Tagen vielfach in Randerath zu sehen war, sondern ein ausführlicher Informationsabend für die rund 300 Zuhörer.

Die wichtigste Information an diesem Abend ist, dass sich Karl D. zu einer Therapie bereit erklärt hat. "Der Täter hat eingewilligt, eine Therapie in einer geschlossenen Einrichtung freiwillig zu machen", verkündet Pusch. Jetzt arbeite man unter Hochdruck daran, Karl D. eine solche Behandlung zu vermitteln. "An den Kosten wird es nicht scheitern", versprach der Landrat. Das sei eine gute Aussicht, denn man könne nicht erwarten, dass für Karl D. doch noch eine nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet werde.

Genau dafür haben die meisten Randerather kein Verständnis. Noch kurz vor dem Informationsabend demonstrieren Bürger mit Sprechchören, Kerzen und Plakaten gegen die bestehende Rechtslage. Diese sieht vor, dass eine nachträgliche Sicherungsverwahrung nur verhängt werden darf, wenn nach dem Urteil neue belastende Tatsachen zutage treten. Das Thema Sicherungsverwahrung war schon immer heftig umstritten – steht doch eines der höchsten Rechte, das Freiheitsrecht des Individuums, gegen das Allgemeingut der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Für die Menschen in Randerath ist die Freiheit für den Sexualverbrecher kaum zu ertragen – vor allem, weil Karl D. nach Einschätzung von Gutachtern als höchst rückfallgefährdet gilt.

Doch die Sorge um die Sicherheit hat in dem kleinen Dorf schnell eine Eigendynamik entwickelt, die selbst wieder Gefahren verursachen könnte. Neben zahlreichen "Protest-Touristen" war am Wochenende die NPD in Randerath aufmarschiert, auch am Mittwoch handelten sich ein paar Rechtsextremisten Ärger mit der Polizei ein, weil sie ihr Gedankengut lauthals kundtaten.