Der Markt verlangt nach Sensation

Das Mädchen weint – und die Tagesschau -Reporterin hält drauf. Tränen zur besten Sendezeit zahlen sich aus, besonders, wenn am Tag zuvor ein Amokläufer 15 Menschen getötet hat, darunter die Freundin des Mädchens –  es selbst hätte sein Opfer werden können. Szenen wie diese untersucht die Medienwissenschaftlerin Petra Grimm an der Stuttgarter Hochschule der Medien. "Die Berichterstattung zum Amoklauf von Winnenden stellt eine Grenzüberschreitung dar, bei dem man sich Gedanken machen muss über die grundsätzlichen Regeln des guten Journalismus – wie es bereits nach Gladbeck geschehen ist", sagt die Professorin.

Die Jagd nach Bildern und Informationen ließ wenig Platz für Moral und Würde: Mit dem Amoklauf wurden Beteiligte, Trauernde, Passanten zu Objekten der Berichterstattung. Fotojournalisten sollen Schülern Geld geboten haben, damit diese sich noch einmal kameratauglich im Schmerz umarmen. Fernsehsender zahlten Zeugen Geld für Exklusivinformationen. Und noch am Tag des Amoklaufs nennen Medien den vollen Namen des Täters, dazu filmen Kameramänner das Haus der Eltern und Nachbarn und nennen die Adressen.

Die öffentliche Diskussion um das Verhalten der Reporter  dreht sich nun um die alte Frage, welches Recht mehr gilt: Die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten oder das Recht aller anderen auf umfassende Information. "Ich verstehe das Dilemma, in dem Journalisten stecken. Aber sie dürfen dem Druck nicht nachgeben, schnell oberflächliche Nachrichten zu liefern", sagt Grimm. Stattdessen sei jetzt der Zeitpunkt, sich auf ethische Regeln zu verständigen: "Die Betroffenen müssen stärker geschützt werden, vor allem Kinder und Jugendliche."

Denkbar wäre eine freiwillige Selbstverpflichtung der Medien, zurückhaltender und nicht unangemessen zu berichten. Vorbilder gibt es: Ende der 80er Jahre verzichtete die Wiener Presse jahrelang weitgehend auf Berichte über Selbstmorde in der U-Bahn  – die Zahl der Nachfolge-Suizide ging um die Hälfte zurück. Auf diese Weise könnten eventuell auch weitere Amokläufe verhindert werden. Denn dass die Visualisierung von Gewalt Nachahmungs-Täter anregt, ist kriminologisch bewiesen; der Amoklauf von Winnenden etwa geschah wenige Stunden, nachdem über einen Amoklauf in Alabama berichtet worden war.

"Diese Visualisierung wirkt auf einen potenziellen Täter wie Pornografie auf einen Sexualstraftäter", sagt Gewaltexperte Joachim Kersten. Das belegt auch die große Zahl an Trittbrettfahrern: In den ersten Tagen nach Winnenden wurden allein in Nordrhein-Westfalen Dutzende Jugendliche festgenommen, die einen Amoklauf ankündigten – und nicht alle gelten als harmlos. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Medien auf ethisch korrekte Berichterstattung würde zudem die weitreichenden Folgen verhindern, die sich heute beobachten lassen, sind die Persönlichkeitsrechte einmal verletzt.

Der ausgeschriebene Nachname des Amokschützen, wie ihn etwa die Bild druckte, reicht für allerlei private Schnüffelei: Schnell ist gegoogelt, wie der Vater mit Vornamen heißt, welches Unternehmen und wie viele Mitarbeiter er leitet. Wer möchte, hat solche Informationen schneller als die Tageschau – und genug Zeit, in einem Blog seine "ganz private Meinung" kundzutun. Dort tragen Artikel Titel wie "Neues von den K.'s" – natürlich mit dem ausgeschriebenen Nachnamen der Eltern.

Der Markt verlangt nach Sensation

Professionelle Journalisten machen diesen Hobby-Publizisten vor, wie mit Vorverurteilungen Quote zu machen ist. Weil sie das Primat der schnellen Nachrichtenübermittlung längst an Privatpersonen verloren haben, die mit Kurznachrichten als Erste vor dem Amokläufer warnten, werden Journalisten immer häufiger zu Analysten – und überschreiten auch hier Grenzen. Während einer Live-Schaltung etwa berichtete ein Reporter, die Eltern des Schützen seien vor dem Medienrummel geflüchtet und hätten sich damit unliebsamen Fragen der Journalisten entzogen – als wären Journalisten Dokumentare und Ermittler in Personalunion.

Die Regeln guten Handwerks hätten Journalisten im Fall von Winnenden immer wieder verletzt. Nur, weil der Anspruch, wahrhaftig zu sein und kritisch mit Quellen umzugehen, aufgegeben wurde, trugen Journalisten die vermeintliche Ankündigung des Amokläufers in einem Internet-Forum in die Welt.

"Diese Infopanne zeigt, wie wichtig glaubwürdige Informationen sind. Ich sehe hier die Chance für Journalisten, in Zukunft auch kritischer mit parajournalistischen Quellen umgehen zu können: Eben nicht kommentarlos Handy-Videos zu senden, sondern zu sagen, dass die Quellenlage diffus ist und man sich lieber an zugängliche, vertrauenswürdige Quellen hält."

Noch bringt das Gegenteil Quote. Online-Artikel mit unwichtigen Details zum Täter erzielen die höchsten Klickraten. Welche Chance hat Qualitätsjournalismus gegen solche Anreize für die voyeuristische Lust am Grauen, der selbst kritische Menschen mitunter nachgeben? "Eine sehr Große", findet Grimm: "Hier sehe ich die Chance für einige Anbieter, zu zeigen, dass sie sich Zeit nehmen, glaubwürdige Informationen zu recherchieren. Viele Journalisten unterschätzen ihre Leser: Die sind es irgendwann müde, mit vordergründigen Infos abgespeist zu werden."

Die Medien machen bei der Berichterstattung über Amokläufe aber nicht alles falsch – wichtig ist, die ethischen Probleme der Reporter vor Ort zu thematisieren. "Die selbstreflexive, kritische Berichterstattung ist im Vergleich mit dem Amoklauf von Erfurt viel stärker geworden – daran sehe ich, dass sich etwas bewegt." Damit, so Grimm weiter, könnte die Schreckenstat eine positive Folge haben: "Vielleicht berichten Journalisten in der nächsten Extremsituation vorsichtiger, ethisch korrekt, transparent und mit dem Anspruch, wahrhaftig zu sein."