Im Internet wird nur geklaut, klagt die Unterhaltungsindustrie. Helfen sollen striktere Urheberrechte und eine penible Überwachung des Internets. Bloß das nicht!, sagt der Jura-Professor James Boyle von der Duke University. Eine Welt voller Copyrights behindere die Menschheit, sich wirtschaftlich und sozial zu entwickeln. Eher solle Hollywood untergehen, als dass verschärfte Urheberrechte jede Innovation unmöglich machten.

Zurzeit werden Rechte auf geistiges Eigentum wieder und wieder verlängert. Auf jeden Unfug kann man ein Patent anmelden. Steve Olson aus St. Paul hält beispielsweise seit 2000 das Patent für die "Methode, auf einer Schaukel zu schaukeln". Bücher behalten ihr Copyright auch noch 70 Jahre, nachdem der Autor gestorben ist, wovon der Urheber des Werkes bestimmt nicht profitiert. In Europa sind mittlerweile auch Faktensammlungen urheberrechtlich geschützt, sogar triviale Listen von Internetlinks. Wer aus Aufnahmen auch nur "kleinste Tonfetzen" entnimmt, begeht Rechtsbruch, entschied der Bundesgerichtshof.

Diese Politik der hohen Mauern schade allen Beteiligten, sagt Boyle. Seine These: Je größer der allgemein zugängliche Fundus an Ideen und Informationen sei, desto innovativer, produktiver und profitabler werde die Welt. Folglich preist Boyle die digitale Revolution. Sie verringere Produktionskosten, vereinfache den Informationsaustausch und ermögliche globale Zusammenarbeit an eigentlich allem.

In den vergangenen hundert Jahren hätten die Menschen vergessen, wozu geistige Eigentumsrechte existieren. Patentrechte, geschützte Markenzeichen und Copyrights seien um 1800 eingeführt worden, um Menschen zu Innovationen anzuregen. Urheber sollten profitieren, wenn ihre Erzeugnisse verwendet werden, denn die Aussicht auf Gewinn treibe sowohl Maschinenbauer als auch Musiker zu weiteren Fortschritten an.

Aber zeitlich eng begrenzt müssten diese Rechte sein. Denn man stelle sich vor, jemand hätte ein Patentrecht auf Schrauben und fordere für jede Verwendung eine Lizenzgebühr. Merke: Urheberrechte erhöhen die Kosten, und dann ist’s vorbei mit der Innovation.

Schon heute kämen manche Neuheiten nicht mehr auf den Markt, weil sonst wegen Copyright-Verletzungen geklagt würde, vermutet Boyle. Auf der Grundlage der heutigen Gesetze sei bereits Apples iPod prinzipiell illegal. Mancher Richter könnte urteilen, das Gerät leiste Beihilfe zum Copyright-Betrug. Zwar wage niemand Apple zu verklagen, doch ein kleines Start-up-Unternehmen hätten die Anwälte der Musikindustrie gewiss vor Gericht gezerrt.

Boyle hat nichts gegen Copyrights. Sie seien eine "brillante soziale Erfindung, die uns viele großartige Vorteile bringt". Doch ihre heutige Interpretation sei kontraproduktiv. Viele Erfindungen und kulturelle Meilensteine der Vergangenheit würden unter heutigen Bedingungen verboten werden. Und sowieso könnte dank des Internets alles viel einfacher und schneller sein, gäbe es nicht die Urheberrechte.

Der freie Informationsfluss zahle sich sogar aus: Beispielsweise veröffentlichen in Europa die staatlichen Wetterstationen ihre Vorhersagen nur gegen hohe Gebühren. In den USA gibt es die Daten umsonst. Dennoch sind die staatlichen Einnahmen in den USA zehnmal höher, weil auch die Wettervorhersage-Industrie zehnmal größer ist.

Viele dieser Dienstleistungsunternehmen gibt es nur im Internet. Richter, Politiker und Lobbyisten sähen im Netz aber eine seltsame Kraft, die es allen Menschen erlaube, zu Dieben zu werden. Die Vorteile und Chancen würden ignoriert oder unterschätzt. Stattdessen orientierte man sich an den Warnungen eines Industriezweigs, der bereits im Fernseher und Videorekorder die Apokalypse nahen sah.

Boyle ärgert sich, wie gedankenlos die Möglichkeiten des Internets verspielt werden. Doch er ist kein Web-2.0-Idealist, allerdings auch kein Spezialist. Seine Argumentation ist sachlich und überraschend ausgewogen, sofern es um die juristisch-akademische Aufarbeitung der Urheberrechtsdebatten geht. Er mischt historische Exkurse mit Beispielen aus aktuellen Gerichtsurteilen und belegt so anschaulich, dass Urheberrechte mitunter hinderlich sind, wenn man Neues entwickeln will.

Etwas diffus wird es aber, wenn Boyle über das Internet schreibt. Er lobt Wikipedia und den freien Zugang zu Informationen. Warum aber die Kombination von weniger Urheberrechten und mehr digitaler Vernetzung allen Segen bringen wird, erklärt Boyle nicht. Häufig präsentiert er kleine Bastler, die von großen Firmen in ihrer Innovationsfreude behindert werden. Seine Hoffnung ist offenbar, dass im Internet alle Nutzer zusammen an einem großen Projekt werkeln können – so wie im Fall des bekannten Online-Lexikons. Wie diese zahllosen Mini-Urheber dabei Geld verdienen sollen – darauf weiß Boyle auch keine Antwort.