ZEIT ONLINE : Der Präsident des Bundeskriminalamts war vor Jahren bereits der Auffassung, dass Internet-Kriminelle nicht nur Unternehmen, sondern auch Staaten in die Knie zwingen könnten. Ein Sicherheitsexperte der Internet-Behörde ICANN fürchtet gar, das Netz könnte insgesamt ausfallen. Und auch Andy Müller-Maguhn von Chaos Computer Club warnt vor der Angreifbarkeit des Internets. Ist das nicht ein wenig übertrieben?

Phillip W. Brunst : Mit Computern werden heute Finanztransaktionen durchgeführt, Energieversorgung kontrolliert und Produktionsanlagen gesteuert. Gleichzeitig kann kein Computerprogramm hundertprozentige Sicherheit gewährleisten. Die Vorfälle 2007 in Estland , 2008 in Georgien und Anfang diesen Jahres in Kirgisistan haben gezeigt, dass gezielte Angriffe einen Staat lähmen können.

ZEIT ONLINE : Glauben Sie, dass dies auch in Deutschland möglich wäre?

Phillip W. Brunst : Estland ist kleiner und in vielen Bereichen abhängiger von Computersystemen. Viele Regierungsdienste werden dort ausschließlich über das Internet angeboten. In Deutschland wird so etwas weitgehend vom Internet getrennt. Angriffe auf einzelne Anbieter sind aber auch hierzulande denkbar.

ZEIT ONLINE : Was könnte denn im schlimmsten Fall passieren?

Phillip W. Brunst : Im günstigsten Fall käme es lediglich zu Unannehmlichkeiten - Wie im Januar, als das Buchungssystem der Bahn aufgrund eines Fehlers ausfiel: Züge waren verspätet, Fahrkartenautomaten haben gestreikt. Fachleuten diskutieren da schlimmere Szenarien: Bordcomputer von Flugzeugen oder Zugleitsysteme könnten manipuliert werden – so etwas könnte viele Tote zur Folge haben.

ZEIT ONLINE : Können Sie uns helfen, das Risiko einzuschätzen?

Phillip W. Brunst : In den meisten Ländern haben Transportmittel eingebaute Sicherheitssysteme, die Fehlfunktionen verhindern sollen. Außerdem werden Flugzeuge und Züge ja auch weiterhin von Menschen gesteuert. Wenn Terroristen aber mit Hilfe eines Insiders arbeiten würden, könnten sie Sicherungsmechanismen ausschalten.

ZEIT ONLINE : Im Fall von Estland stand Russland als Täter im Verdacht. Gerüchten zufolge soll China beim Stromausfall 2003 in den USA im Spiel gewesen sein. Welche Bedeutung hat die elektronische Kriegsführung von Staaten?

Phillip W. Brunst : Elektronische Kriegsführung wird in vielen Ländern heute als essenziell angesehen. Problematisch ist, dass man ohne die Mithilfe eines Staates nicht beweisen kann, wer gehandelt hat. Man konnte sich daher lange Zeit nicht sicher sein, ob die Täter im Estland-Fall wirklich in Russland saßen, es sich eventuell sogar um staatliche Akteure handelte, oder ob die Angriffe nur über gekaperte Rechner kamen, die zufällig in Russland standen.

ZEIT ONLINE : In Deutschland soll die "Online-Durchsuchung" beim Aufspüren von Terroristen helfen. Ist dies ein wirkungsvolles Instrument?