Der Fehler der alten Frau war, dass sie ihr Haus verließ. Als die Palästinenserin eine Straße überquerte, zog ein israelischer Soldat seinen Abzug durch. Er traf die Frau tödlich. Der Schütze war 100 Meter von seinem Opfer entfernt, in einer sicheren Stellung. Ein Offizier hatte den Todesschuss befohlen. Jeder Palästinenser, der sich noch in der Innenstadt von Gaza aufhalte, sei ein Terrorist. "Kaltblütiger Mord", nennt ein Kommandant der israelischen Armee das heute. Ein anderer hoher Offizier berichtet von einem Scharfschützen, der eine Mutter und ihre beiden Kinder erschoss – der Reihe nach. Sie hatten eine Linie überquert, die der Soldat sichern sollte. "Ich glaube nicht, dass er sich besonders schlecht fühlte, weil er aus seiner Sicht nur nach seinen Vorschriften handelte", sagte der Offizier.

Rache für den Raketenbeschuss aus den Palästinensergebieten, Bestrafung der Terroristen, Sicherheit für die jüdischen Siedlungen – die Öffentlichkeit in Israel erwartete von ihren Soldaten einen harten Schlag gegen Hamas und andere palästinensische Organisationen, als das Heer in den Gaza-Steifen einrückte. Journalisten und Vertreter von Hilfsorganisationen durften nicht in das Kampfgebiet hinein, ausländische Beobachter gab es nicht. Die israelischen Streitkräfte schlugen hart und unbeobachtet zu.

Kampfjets bombardierten Wohnviertel, in denen Hamas Waffenlager und Kasernen unterhielt, die Bomben trafen auch Einrichtungen der Vereinten Nationen. Hubschrauber feuerten auf Lastwagen, die Güter für die Extremisten transportiert haben sollen, sie zerstörten aber auch Fahrzeuge von Hilfsorganisationen. Kriegsschiffe schossen Raketen ab, die nicht nur die militärischen Ziele ausschalteten. Kliniken wurden in Trümmer gelegt, ein Presse-Hochhaus getroffen. Nach Angaben der palästinensischen Menschenrechtsorganisation Palestinian Centre for Human Rights (PCHR) seien 960 Zivilisten während der israelischen Militärschläge gestorben.

Wochen nach dem Krieg und dem anschließenden Wahlkampf debattiert Israel nun über den Einsatz. Die Aussagen von einigen Veteranen schockieren das Land, das aus der Vergangenheit viele militärische Konflikte mit den arabischen Nachbarstaaten kennt. Doch so offen berichteten die Soldaten wohl noch nie über Kriegsverbrechen ihrer Kameraden. Im Kampf gegen die Terroristen fiel bei vielen Soldaten jegliche Hemmschwelle, Moral und Menschlichkeit hatten keinen Platz im Straßenkampf gegen einen unsichtbaren Feind.

Hamas-Kämpfer versteckten sich unter der Zivilbevölkerung, jeder Passant konnte ein Attentäter sein, die nervliche Anspannung der Soldaten war hoch. Viele haben aus Angst zu schnell geschossen. Lockere Dienstvorschriften und der angeheizte Hass auf Palästinenser, hätten die Gewalt gegen Zivilisten erst möglich gemacht, sagten Zeugen während einer Versammlung an der Militärakademie Oranim Academic College in der Stadt Tivon. Dort hatten während eines Seminars Piloten und Angehörige von Infanterie-Einheiten den Kriegsverlauf wegen der ungehemmten Brutalität mancher Kameraden kritisiert. Die Diskussion fand bereits am 13. Februar statt, doch jetzt erst kommen die brisanten Informationen an die Öffentlichkeit. Die israelische Tageszeitung Haaretz kündigte weitere Enthüllungen in den kommenden Tagen an.