Auf den Treppen zum Landgericht Hamburg protestieren etwa 30 Menschen gehobenen Alters. Eisige Windböen zerren an ihren Schildern und Plakaten. "In der Citibank wurde ich um 5100 Euro betrogen" ist da zu lesen. Und "Gerechtigkeit muss siegen!", "Wo bleibt der Verbraucherschutz?". Auch gegen Bonuszahlungen an Pleite-Manager haben einige Anwesende etwas einzuwenden. Gemein ist ihnen nur, dass sie durch die Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers Geld verloren haben und sich von den Banken hintergangen fühlen, die ihnen das Investment empfohlen haben.

Unvermittelt wird einer der Protestierenden laut: "Wir wollen das Geld zurück!", ruft Peter Timm in den fast leeren Gerichtsvorplatz. Verwandte des groß gewachsenen Mannes hatten 20.000 Euro in Papiere einer Tochtergesellschaft der US-amerikanischen Bank Lehman Brothers angelegt. Mitarbeiter der Hamburger Sparkasse (Haspa) hätten telefonisch zu dieser Geldanlage geraten, sagt Timm. Das war 1996. Jetzt ist das Geld weg, und die Betroffenen in Pflegeheimen. "Die Alten sind zu krank, um hier zu sein, deswegen stehe ich jetzt hier."

Als Schneefall einsetzt, ziehen sich die ersten Demonstranten ins Gericht zurück. Das Interesse ist groß. Die Kammer hat den Prozess gegen die Haspa kurzfristig in den großen Plenarsaal verlegt. Geklagt hat der Rentner Bernd K, dessen Beraterin ihm empfahl, Lehman-Zertifikate zu kaufen. Sie seien hundertprozentig sicher, habe man ihm gesagt. Dann kam die Pleite von Lehman Brothers, und K. war um 10.000 Euro ärmer. Er hätte die Anleihen nicht gekauft, wenn sie die Beraterin der Haspa nicht als risikolos dargestellt hätte, sagt K. auf Nachfrage des Richters.

Und er hätte erst recht nicht zugegriffen, wenn er gewusst hätte, dass die Haspa erhebliche Gewinne durch den Verkauf der Lehman-Zertifikate erzielte. In der Klageschrift ist der reine Profit der Bank auf acht Prozent des Zertifikatswerts beziffert. Da müsse doch irgendwas faul sein, rechnet K.: Einerseits die versprochenen hohen Zinserträge, andererseits auch noch der Eigenprofit der Bank – wie könne ein Zertifikat nur soviel Ertrag für alle Beteiligten abwerfen, wenn ein Sparkonto nur drei, vier Prozent Zinsen einbringt? K. fühlt sich von seiner Bank hinters Licht geführt und verlangt 10.100 Euro Schadensersatz.

Doch die Rechtslage spricht nicht unbedingt für ihn. Wer Zertifikate einer Bank kauft, hat kein Anrecht darauf, in Fall einer Insolvenz des Anbieters entschädigt zu werden. Das unterscheidet Zertifikate von Guthaben auf Sparkonten. Häufig wird dieses sogenannte "Emittentenrisiko" aber in den Beratungsgesprächen nicht ausreichend betont, vermuten Verbraucherschützer. Die Banken müssen jedoch auf die Risiken ihrer Produkte hinweisen.

Allein 3700 Kunden der Haspa hatten Lehman-Papiere im Wert von insgesamt 54 Millionen Euro erworben. Die meisten von ihnen würden wohl nicht behaupten, gut und ausreichend beraten worden zu sein. Der Haspa-Vorstand Reinhard Klein sagte, in 250 Fällen sei man "unsicher, ob ausreichend auf das Emittentenrisiko hingewiesen wurde". Diesen Kunden wurden ihre Verluste erstattet. In weiteren 750 Fällen habe man aus reiner Kulanz Rückerstattungen vorgenommen, weil sich die Kunden in "kritischen Lebenssituationen" befänden.