Er habe sich nichts vorzuwerfen, sagt Stephan Pusch, er würde wieder so handeln. Fast drei Wochen sind vergangen, seitdem der CDU-Landrat die Bürger seines Wahlkreises in Heinsberg-Randerath vor dem Sexualstraftäter Karl D. gewarnt hat. Der wegen mehrfacher Vergewaltigung vorbestrafte 57-Jährige war nach der Entlassung bei seinem Bruder in Randerath untergekommen. Nicht nur die erbosten Bürger marschieren seit der Bekanntgabe vor dem Haus der D.s auf, es entwickelte sich ein wahrer Protest-Tourismus in den Ort. Für dieses Wochenende haben erneut rechte Gruppen zu einer Kundgebung aufgerufen.

Der Fall Randerath hat nun auch bundesweit eine Debatte darüber ausgelöst, ob staatliche Behörden den Wohnort entlassener Sexualstraftäter und Kinderschänder bekanntgeben dürfen.

Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, bejaht diese Frage. Er hofft sogar, dass der Fall "Mustercharakter" für andere kommunale Entscheider haben könnte. Wenn Zweifel an der Sicherheit für die Bürger bestünden, sollten Behörden immer öffentliche Informationen herausgeben.

Rudolf Egg, Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, sieht das anders: "Menschlich ist die Handlung des Landrats zwar verständlich, aber sie birgt die Gefahr, jemanden an den Pranger zu stellen und die Situation zu verschärfen." In Randerath sei die Situation aufgrund von Puschs Verhalten eskaliert. Aufgebrachte Bürger hätten vor laufenden Kameras verkündet, man solle Karl D. seine Grundrechte absprechen. Erschreckende Entgleisungen, findet der Kriminal- und Rechtspsychologe, sechs Jahrzehnte nach Einführung des Grundgesetzes.

Holm Putzke, juristischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kriminologie der Ruhr-Universität Bochum, findet, Pusch habe seine Kompetenzen eindeutig überschritten. Für die öffentliche Information fehle jede rechtliche Grundlage. Zudem habe er durch sein Handeln das im Strafrecht festgelegte Recht auf Resozialisierung vereitelt. "So eine Warnung ist unverhältnismäßig, weil durch die Mitteilung von staatlicher Stelle die Situation zusätzlich verschärft wird", sagt Putzke. "Die Menschen bekommen dadurch erst recht das Gefühl, sich selbst schützen zu müssen, weil der Staat es offenbar nicht kann."

In den USA haben Bürger schon seit einiger Zeit das Recht auf Informationen über verurteilte Sexualstraftäter. Über ein zentrales Register des Justizministeriums kann jeder Internetnutzer sogar Fotos und die komplette Anschrift der registrierten Männer einsehen.

Inzwischen mehren sich aber auch dort Zweifel an dieser Methode. Eine Untersuchung der Rutgers University und der Strafvollzugsbehörde in New Jersey hat ergeben, dass seit der Einführung des "Megan’s Law" in ihrem Bundesstaat weder die Abschreckung verurteilter Sexverbrecher gestiegen noch die Zahl der Opfer signifikant gesunken ist.