Der Bundestag debattiert in diesen Tagen über ein neues Gesetz zur verbesserten Beratung von Spätgebärenden. Bei den sogenannten Spätgebärenden handelt es sich nicht um eine Randgruppe: In Deutschland zählen mittlerweile über 20 Prozent der Schwangeren zu den Über-35-Jährigen.

Eine verbesserte Beratung im Umgang mit möglichen Fehlbildungen und unter Umständen gewünschten Spätabtreibungen ist mehr als überfällig - im Dschungel all der pränatalen Untersuchungen und ihren nicht immer leicht zu interpretierenden "Ergebnissen" findet sich kaum noch jemand zurecht. Und wenn Experten schon heillos zerstritten sind, wie und woran sollen sich dann Laien orientieren?

Die Möglichkeiten des medizinischen Fortschritts bringen für viele Paare, nicht nur für die älteren unter ihnen, neue Unsicherheiten und ungeahnte finanzielle Auflagen mit sich. Aber es sind gerade die über 35-jährigen, die sich im Pharmadschungel und angesichts von höchst unterschiedlichen Expertenmeinungen zurechtfinden müssen, denn sie sind diejenigen, die besonders beargwöhnt und pathologisiert werden.

Wobei im Zuge des um sich greifenden Gesundheitsbewussteins und Sicherheitsbedürfnisses der Trend derzeit dahin geht, jede Schwangere von vorneherein als Kranke zu betrachten. Dass es vor wenigen Jahrzehnten noch möglich war, ohne Feinultraschall, Blut- und Genuntersuchungen Kinder zu gebären, erscheint vielen mitunter geradezu rätselhaft. Deutschland ist weltweit das Land mit dem aufwendigsten und teuersten Vorsorgesystem für Schwangere. Teuer nicht nur für die Krankenkassen, sondern auch und vor allem für die Schwangere selber, denn viele, bisweilen auch dubiose Tests, zu denen "dringend" angeraten wird, müssen selbst getragen werden.

Was sowohl die Fertilität als auch die Gefahr von Fehlentwicklungen angeht, verändert sich der weibliche – und auch der männliche – Organismus mit zunehmendem Alter sukzessive. Die Möglichkeit, noch ein (gesundes) Kind zu zeugen, variiert je nach Person sehr stark. In Kinderwunschpraxen sitzen Endzwanziger, bei denen sich der ersehnte Nachwuchs seit Jahren nicht einstellt. Manche Mittvierzigerin bekommt ohne Schwierigkeiten ihr zweites oder drittes Kind. Die Altersangabe 35 ist also fiktiv. Dennoch wird dieses Alter von Ärzten als "magische Grenze" dämonisiert. Ist die Schwangere über 35 gilt ihre Schwangerschaft als "Risikogeburt" und bestimmte Untersuchungen sind "unerlässlich".

Entsprechend überschätzen Frauen im Allgemeinen die Gefahr, ein fehlgebildetes Kind zu bekommen. Viele dieser teuren Tests sind zudem in ihrer Aussagefähigkeit sehr begrenzt. Von den Ergebnissen solcher Untersuchungen machen Paare aber die Entscheidung abhängig, ob sie ein Kind austragen wollen oder nicht.

Einer der am häufigsten empfohlenen Tests ist die sogenannte Nackenfaltenmessung, mittels derer die Gefahr, dass der Fötus an Trisomie 21 ("Downsyndrom") oder an anderen Trisomien erkrankt ist, festgestellt werden soll. Doch das Ergebnis der Nackenfaltenmessung ergibt nur ein 85 bis 90-prozentig sicheres Ergebnis. Aufgrund solch einer vagen Diagnose würde wohl kaum jemand über Leben und Tod entscheiden wollen - jenseits der ethischen Frage, ob ein Downsyndromkind (heutzutage gibt es viel bessere Fördermöglichkeiten als noch vor dreißig Jahren) nun unbedingt abgetrieben werden muss.

Um genauer abzuklären, ob das Kind beispielsweise an Trisomie 21 leidet, muss eine Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) durchgeführt werden, die aber auch zum Verlust des Embryos führen kann. Die Zahlen sind unter Ärzten umstritten. Aber manche gehen davon aus, dass bei zwei Prozent der Fruchtwasseruntersuchungen der Eingriff zum Kindverlust führt; wobei selbst bei einer 40-jährigen Frau das Risiko, ein Kind mit Trisomie 21 auszutragen, nur knapp ein Prozent beträgt.

Viele Frauen verzichten also auf die möglicherweise lebensgefährdende Untersuchung – ein invasiver Vorgang, bei dem mit einer Nadel durch die Bauchdecke gestochen wird.